Auf ein Neues

Auf ein Neues

Nationalspieler Gabriel Kissling hat eine schwierige Saison hinter sich: Er kämpfte mit einer Blessur, die Resultate liessen zu wünschen übrig und im Team kam es zu Spannungen. Nun wagt der Seeländer den Neustart.

Gabriel Kissling atmet einmal tief ein. Er wusste, dass die Frage nach dem Warum kommen würde. Warum startet er schon wieder mit einem neuen Teampartner in die Saison? Dies, nachdem Kissling und sein ehemaliger Partner Adrian Heidrich an der Beachvolleyball-Europameisterschaft vor einem Jahr allseits gelobt wurden. Nachdem Swiss-Volley-Direktor Philipp Saxer bescheinigte, das Duo sei auf sehr gutem Weg. Und nicht zuletzt, nachdem Kissling selbst noch im Frühling gesagt hatte, dass er froh sei, mit demselben Partner in die Saison zu starten; weil es nach einem Wechsel einiges an Zeit beanspruche, bis sich die Spieler als Team finden. Er blickt kurz auf seine gefalteten Hände, dann schaut er wieder hoch und beginnt, zu erklären.

Vom Schnee in den Sand
Im Weissenbühlquartier, leicht abgelegen im Süden der Stadt Bern, steht das Beachcenter. Wir wollten uns eigentlich dort treffen, stossen aber schon im Tram aufeinander. Mit seiner Körpergrösse von 1.90 Meter überragt Gabriel Kissling die Personen um sich herum deutlich. Unter den Beachvolleyballern gilt er allerdings nicht als Hüne. Von den sechs Schweizer Nationalspielern ist nur Mirco Gerson kleiner – etwa fünf Zentimeter. Deshalb spiele er auch als Verteidiger im Feld und nicht als Blocker vorne am Netz. «Wenn ich ein Blocker sein wollte, müsste ich mindestens einen Meter an Sprungkraft dazugewinnen», sagt Kissling mit einem Augenzwinkern.

Das Beachcenter, das äusserlich kaum von einer Fabrikhalle zu unterscheiden ist, entstand vor acht Jahren. Es war schweizweit das erste seiner Art und kam für die Beachvolley-Generation um Kissling zu einem günstigen Zeitpunkt. Während er sein Talent im Winter nur ein paar Kilometer von Zuhause aus fördern konnte, mussten die Schweizer Beachvolleyballer in den Jahren zuvor oft ins Ausland ausweichen, sobald der Schnee kam.

Auch an diesem Tag ist der Boden draussen weiss gepudert. Es sei schon ein spezielles Gefühl, so Kissling, wenn er sich in der Garderobe umziehe und danach barfuss durch den kalten Schnee in die Halle gegenüber tappe, wo der temperierte Sand auf ihn wartet. In der Halle fällt der Blick als Erstes auf die Wand gegenüber beziehungsweise auf den Vorhang, der diese abdeckt. Auf dem Vorhang ist ein Strandsujet abgebildet. Links und rechts je eine Palme, in der Mitte Sand, das Meer und ein wolkenverhangener Himmel. Wir legen unsere Mäntel ab und setzen uns auf ein Sofa in der Ecke.

Zwei Ärzte, zwei Meinungen
Seit etwas mehr als einem Monat hat Kisslings Vorbereitung auf die neue Saison begonnen. Bereits Anfang Januar stehen erste Turniere auf dem Programm, die er allerdings nicht besuchen wird. Zu gross ist das Risiko, dass seine Schulterschmerzen wieder auftreten. Die Beschwerden belasten den Seeländer seit bald zwei Saisons in unregelmässigen Abständen. Ende der letzten Spielzeit konsultierte er deshalb zwei Ärzte. Diese interpretierten die Untersuchungen unterschiedlich. Auch ein chirurgischer Eingriff stand zur Debatte. Kissling, der sich schon zweimal einer Hüftoperation unterziehen musste, entschied sich dagegen.

Dafür geht er seither regelmässig zur Physiotherapie, wo versucht wird, seine Schulter optimal zu positionieren. Das hat zur Folge, dass sich die Bewegungsabläufe leicht verändern sollten. Jahrelang eingeübte Bewegungen können nicht vom einen auf den anderen Tag geändert werden. Dahinter stecken viele Stunden Arbeit. Erst übte Kissling ohne Ball, später mit Ball und noch später mit Sprung. Das konnte frustrierend sein, denn bei jeder neuen Stufe, begann alles von vorne. Es gab Trainings, in denen Kissling eineinhalb Stunden denselben Bewegungsablauf übte, am Schluss jedoch kaum Fortschritte ersichtlich waren. «Ich musste mir immer wieder bewusst machen, dass nicht alles bereits nach einem Training klappt», sagt Kissling. Es galt, Vertrauen in den mit den Physios aufgestellten Plan zu haben.

Er sei auf einem guten Weg, sagt der 25-Jährige. Die Schmerzen tauchen kaum mehr auf. Dennoch wird er nichts überstürzen und erst Ende Februar in die internationalen Turniere eingreifen. Einmal mehr mit einem neuen Partner an seiner Seite.

Spannungen im Team
Der Wechsel habe sich einfach so ergeben, sagt Kissling. Ursprung war die Trennung des anderen Nationalteams um Mirco Gerson und Michiel Zandbergen. Diese hatte sich abgezeichnet, nachdem das Duo es im Herbst sogar verpasste, sich für die Endrunde der Schweizer Meisterschaft zu qualifizieren. Stattdessen standen im Teilnehmerfeld Duos, die den Sport nur noch hobbymässig betreiben.

Mit der Trennung ergab sich für Kissling und seinem damaligen Teampartner Adrian Heidrich eine spezielle Situation. Denn sollten sie sich nun ebenfalls für eine Teamauflösung entscheiden, stünden bereits zwei neue, äquivalente Partner bereit.
Dass sich Heidrich und Kissling überhaupt mit solchen Gedanken befassten, lag natürlich auch an der mässigen bis schlechten Saison, die sie 2017 hatten. «Auf ein gutes Turnier folgten drei schlechte», fasst der Seeländer zusammen. Das Duo sammelte kaum Punkte. Das Turnier in Gstaad, ein vermeintliches Saisonhighlight, endete für Heidrich/Kissling bereits nach der ersten Qualifikationsrunde – bevor es richtig begonnen hatte.

Unter den schlechten Resultaten litt die Teamchemie. Als das Duo 2015 in die erste Saison startete, war der zwei Jahre jüngere Heidrich der Neuling und Kissling, der bereits Erfahrung auf der Tour gesammelt hatte, eine Art Mentor. Weil Heidrich schnell Fortschritte machte, geriet die Rollenaufteilung ins Wackeln. Das führte dazu, dass gegenseitige Kritik nicht immer gleich gut aufgenommen wurde. «Da hat sich über die Jahre etwas Negatives aufgebaut, das wir nicht mehr loswurden», sagt Kissling. Spannungen, die bei Profiteams immer wieder mal vorkommen können. Dennoch stellte sich beim gemeinsamen Gespräch im Frühherbst heraus, dass beide Spieler nicht mehr hundertprozentig vom jeweiligen Partner überzeugt waren. «Das hat uns gezeigt, dass ein Wechsel richtig ist.»
Mit dem neuen Partner, dem 22-jährigen Zürcher Michiel Zandbergen, hat sich Kissling schon einmal für ein Turnier zusammengetan: 2016 an der Studenten-Weltmeisterschaft im estnischen Pärnu. Sie holten Silber.

«Mein Bruder ist seriöser»
Zandbergen wird Kisslings sechster Teampartner seit der Kappeler 2010 an der Seite von Mirco Gerson an der Jugend-Weltmeisterschaft teilgenommen hat (mehr in Infobox). In einem Bericht des «Bieler Tagblatts» aus dem Jahr 2010 scheint es, als hätte Kissling seine Zukunft erahnt. Denn bereits vor sieben Jahren sagte er: «Die Partnerwahl ist nicht einfach, es klappt nicht mit jedem.» Kissling lächelt, als er den Zeitungsausschnitt sieht: «Dass es so kompliziert wird, hätte ich jedoch nicht gedacht.»

Der bisher kompatibelste Partner sei wohl sein knapp zwei Jahre älterer Bruder Jonas gewesen. Zumindest was das Zwischenmenschliche anging. Jonas und der ihm nacheifernde Gabriel wurden unter anderem durch ihren Sportlehrer beeinflusst, der seine Schüler oft Volleyball spielen liess. Nach einem Schnuppertraining hat es ihnen endgültig den Ärmel reingezogen. Die populärste Sportart bei Jungen in der Schweiz, Fussball, hatte im Hause Kissling einen schweren Stand. Ihr Vater, ein ehemaliger Hobbyfussballer, riet von der Sportart ab, weil ihm die derben Umgangsformen auf dem Feld missfielen.

Jonas war bis vor einem Jahr ebenfalls im Beachvolley-Nationalkader, wurde in Folge von Teamumstrukturierungen jedoch ausgemustert. Dass seinem Bruder dasselbe passieren könnte, denkt er nicht. «Er arbeitet enorm hart an sich. Seriöser als ich es tat», sagt Jonas Kissling, der mittlerweile im Indoor-Volleyball bei NLA-Verein Uni Bern spielt. Sogar das Studium hat Gabriel Kissling unterbrochen, um sich voll und ganz dem Profileben zu widmen. «Er bringt vieles mit», sagt Bruder Jonas weiter und hebt in erster Linie Gabriels Athletik und seine mentale Stärke hervor. «Jetzt muss sich nur noch der Knopf öffnen.»

Tokio eher unrealistisch
Kommt mit neuem Partner der Erfolg zurück? Dass nach letzter Spielzeit die Resultate besser werden müssen, muss Gabriel Kissling niemand sagen. «Ich bin ehrgeizig und mein Erfolgshunger treibt mich an.» Wie es halt bei Sportlern so sei, fügt er an.
Die Ziele des neuen Duos sind in erster Linie technischer, taktischer und mentaler Art. Resultatziele haben sie noch nicht festgelegt. Ein Dauerthema ist aber sich das Olympische Turnier 2020 in Tokio. Die Qualifikation dafür sei zum jetzigen Zeitpunkt wenig realistisch, gibt Kissling zu. Abgeschrieben hat er es aber doch noch nicht. Es gelte, in der kommenden Saison zu beobachten, wie sich das Zusammenspiel mit Zandbergen entwickle.
Vorerst hofft Kissling, sich auf der Tour etablieren zu können. Auch finanzielle Überlegungen spielen da eine Rolle. Zwar komme er, wie er sagt, dank den Beiträgen von Sporthilfe, Militär und Sponsoren über die Runden. Bei einer Saison wie zuletzt mit bescheidenem Erfolg auf der Tour, also ohne Gewinnprämien, beläuft es sich bei Kissling jedoch in etwa auf ein Nullsummenspiel. «Da ich noch jung bin, bin ich bereit, in dieser Hinsicht Abstriche zu machen», sagt er. Wie lange noch? Auf diese Frage zuckt Kissling mit seinen Schultern. «Alles zu seiner Zeit.»
Inzwischen ist Teampartner Zandbergen eingetroffen, Kissling begibt sich aufs Spielfeld. Zum Aufwärmen dreht er ein paar Runden. Der Sand ist tief, die Tritte schwerfällig. Schon bald bilden sich erste Schweisstropfen auf Kisslings Stirn. Das Strandsujet im Hintergrund verbreitet «Bacardi Feeling». Wäre da nicht der Notausgang, durch dessen Fenster der weisse Schnee hinein schimmert.

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Kisslings Teampartner
Saison 2010-11: Mirco Gerson
Grund für Trennung: Die arrivierten Beachvolleyballer Philip Gabathuler und Jan Schnider suchten neue Partner.
Gabriel Kissling: «Eine riesige Chance für zwei junge Beachvolleyspieler wie wir es waren. Da konnten wir nicht Nein sagen.»

Saison 2012: Jan Schnider
Grund für Trennung: Schnider zieht sich aus dem Spitzensport zurück.
Gabriel Kissling: «Vom ehemaligen Olympia-Spieler konnte ich viel profitieren.»

Saison 2013: Jonas Kissling
Grund für Trennung: Beide Athleten spielten eigentlich auf der Verteidiger-Position.
Gabriel Kissling: «Wir wollten mal zusammenspielen. Aber es war klar, dass es eine Übergangssaison wird.»

Saison 2014: Fabio Berta
Grund für Trennung: Berta scheidet aus dem Nationalkader aus.
Gabriel Kissling: «Das kam überraschend für mich. Ich fand es schade.»

Saison 2015-17: Adrian Heidrich
Grund für Trennung: Kaum Fortschritte nach drei gemeinsamen Saisons (mehr in Haupttext).
Gabriel Kissling: «Zum ersten Mal entschied ich mich aktiv für einen Wechsel.»

Saison 2018: Michiel Zandbergen


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