Den Schmerz weggerannt

Den Schmerz weggerannt

Den Hunderter in Biel lief er nicht, weil ihm die Strecke zu flach ist. Lieber rennt Mirko Messer dieselbe Distanz in den Bergen. Dabei feierte der Bieler zuletzt seinen ersten grossen Sieg.

Er habe am nächsten Tag sogar einigermassen normal gehen können, sagte Mirko Messer ein paar Tage nach seinem bisher grössten Lauferfolg. Augenzwinkernd fügte er an: «Naja, vielleicht war es doch eher ein ‹Schnaaggen›.»

105 Kilometer und 5000 Höhenmeter: Das ist der Swiss Canyon Ultra Trail. Es ist eine Rundstrecke durchs jurassische Gebirge, Start und Ziel sind im neuenburgischen Couvet. «Für meinen ersten 100-Kilometer-Lauf in den Bergen suchte ich ein Rennen, das nicht allzu weit von Zuhause entfernt ist», so der Bieler. Denn er habe nicht abschätzen können, wie es ihm danach gehen würde.

Dass er das Rennen allenfalls gewinnen könnte, daran dachte Mirko Messer im Vorfeld nie. Zu unerfahren fühlte er sich, zu gut kannte er seine Konkurrenten, unter denen einige Laufkollegen von ihm waren. Tatsächlich schien es zu Beginn des Laufes, als könne er nicht mit den Schnellsten mithalten. Messer hatte die Spitze bald aus den Augen verloren. Er führte seinen eigenen Kampf.

«In solch einem Rennen macht man einfach alles durch.» Als er nach drei Stunden die Verletzung am Sprunggelenk spürte, die er sich in der Vorbereitung zugezogen hatte, dachte der 32-Jährige ans Aufgeben. Er sagte sich: «Jetzt rennst du einfach so weit, wie es irgendwie noch geht.» Er versuchte, positiv zu denken. Einfacher gesagt, als getan. Die negativen Gefühle liessen sich nicht unterdrücken. Bei Mirko Messer kamen die Erinnerungen hoch, wie er im Vorjahr zur Laufabstinenz gezwungen war. Nach mehreren Verletzungen stellte ein Arzt einen Zinkmangel bei Messer fest. In der Erholungsphase gab es wiederholt Rückschläge, sodass Messer rund ein Jahr lang nicht laufen konnte.

Eine bittere Nachricht für den Informatiker, der im Laufen den besten Ausgleich zu seinem von Technik geprägten Alltag gefunden hat. Vor sechs Jahren begann er damit, jeweils über den Mittag zu laufen. Es packte ihn umgehend. Ein Jahr später absolvierte er seinen ersten Marathon (Zielzeit: 3:10:56). Dann zog es ihn vermehrt ins Gebirge. «Es ist einfach imposant, in den Bergen zu rennen. Es wird einem immer wieder bewusst, wie klein man eigentlich ist.» Während seiner erzwungen Lauf-Auszeit fand er keinen äquivalenten Ersatz dafür. Hinzu kam, dass seine langjährige Beziehung in die Brüche ging. «Es ging mir richtig schlecht. Ich war in dieser Zeit wirklich unausstehlich.» Das zeigte sich nicht zuletzt darin, dass sich Mirko Messer zurückzog und weniger auf sich achtete.

Zum Beispiel rauchte er wieder häufiger. Ein rauchender Läufer? «Ich weiss, es ist eine blöde Angewohnheit», so der Seeländer. Er rauche nicht viel. Weniger als ein halbes ‹Päckli› am Tag. Ganz lassen könne er es aber vorerst nicht.

Während seiner Verletzung begann Mirko Messer, früher aufzustehen. Sein Physiotherapeut hatte ihm empfohlen, die entlastenden Übungen zu machen, wenn seine Gelenke noch «frisch» seien. Als er wieder rennen durfte, behielt er den morgendlichen Rhythmus bei. Er lief täglich, bevor er zur Arbeit ging. Manchmal stand er dafür bereits um halb fünf Uhr auf. Messer rannte die körperlichen und seelischen Schmerzen weg.

Auch beim Swiss Canyon Ultra Trail biss er auf die Zähne. Tatsächlich liess das Ziehen im Sprunggelenk nach. Dafür kämpften die Läufer vor ihm mit Beschwerden. Bei einem war es der Rücken, der zwickte. Bei anderen rebellierte der Magen. «Dann traf ich auf einen älteren Herrn, der mir ‹Premier!› zurief», erinnerte sich Messer. «Das konnte ich kaum glauben.» Nach genau zwölf Stunden und elf Sekunden überschritt Mirko Messer als Erster die Ziellinie. «Ein unglaubliches Gefühl. Ich war einfach nur dankbar für alle, die mich unterstützt haben.»

Der Sieg beim Ultra Trail brachte dem Bergläufer einen Startplatz für die «Diagonale des Fous» (Diagonale der Verrückten) auf der französischen Insel La Réunion ein. Ein 165 Kilometer langer Lauf mit rund 10 000 Höhenmetern, der im Oktober stattfindet. Der Bieler ist sich noch nicht sicher, ob er ihn läuft. «Vielleicht gebe ich mir noch ein Jahr Zeit.»


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