Die Neue an der Seite des Königs

Die Neue an der Seite des Königs

Sechs Stunden lang Schachpartien kommentieren? Für Anna Rudolf ist das ein Traumjob. Zusammen mit Daniel King analysiert die Ungarin die Spiele des Bieler Grossmeisterturniers. Es ist auch die Folge einer Begebenheit, die sich vor vier Jahren in Biel abspielte.

Ein Computerspiel ist für Anna Rudolfs Schachkarriere verantwortlich. Die Ungarin erinnert sich gerne zurück. Ihr Vater sass oft vor dem Computer, um «Battle Chess» zu spielen. Eigentlich ein normales Schachspiel, doch wenn er die Figuren bewegte, erwachten sie zum Leben. Die Königin wandelte in einem edlen Kleid vom einen zum anderen Feld. Wurde sie aber auf eines geschickt, auf dem bereits eine gegnerische Figur stand, kam es unweigerlich zum Kampf auf Leben und Tod. «Ähnlich wie das Zauberschach bei Harry Potter», erklärt Anna Rudolf. «Es wird gemutmasst, dass J.K. Rowling die Idee von diesem Spiel hat.»

Die damals 4-jährige Anna Rudolf und ihre ein Jahr jüngere Schwester waren fasziniert. «Es war sehr majestätisch.» Freilich wollten sie selbst auch spielen, doch dafür mussten sie begreifen, welche Figuren sie auf welche Felder ziehen konnten.

So lernte Anna Rudolf, Schach zu spielen. Später kam das gute Gefühl hinzu, wenn ihre Überlegungen dazu führten, dass sie ein Duell gewinnen konnte. Wann genau der Sport zum Zentrum ihres Lebens wurde, weiss die 30-Jährige nicht. «You just go with the flow», erklärt sie. Erst belegte sie den Schachkurs in der Schule, dann war sie in einer betreuten Schachgruppe, später erhielt sie einen persönlichen Trainer.

«Natürlich ist es anstrengend»

Nun ist sie das neue Gesicht beim Bieler Schachfestival. Im Livestream kommentiert Anna Rudolf die Schachpartien des Grossmeisterturniers. Zusammen mit dem bekannten Analysten Daniel King sitzt sie vor der Kamera und bespricht die Ausgangslagen, die Züge oder welche Möglichkeiten die Schachspieler noch haben. Je nachdem wie die Spieler aufgelegt sind, kann dies mehr als sechs Stunden dauern. Dabei sind die beiden Kommentatoren praktisch immer auf einem Bildausschnitt zu sehen. Nur selten geben sie sich eine rund zehnminütige Pause.

«Natürlich ist es anstrengend», sagt Anna Rudolf. Nach einem Turniertag wie dem gestrigen brauche sie eine Weile, bis sie sich wieder mit ihren Kollegen oder den Spielern austauschen mag. Trotzdem bezeichnet Anna Rudolf Schachkommentatorin als Traumberuf. «Ich analysiere nicht nur die Partien der besten Spieler auf der Welt, ich kann den Zuschauern auch vieles über die Geschichte des Turniers oder die Region erzählen.»

Für Anna Rudolf war immer klar, dass sie sich nicht nur mit Schach befassen würde. So legte sie zum Beispiel Wert darauf, trotz ihren zahlreichen Turnieren die Schule mit guten Noten abzuschliessen. Später studierte sie an der Universität Englisch und Russisch. Manchmal lag ihr Fokus auf dem Schach, manchmal auf ihrem Studium. Das habe für sie gut funktioniert, sagt Anna Rudolf. «Aber wer so gut werden will wie Magnus Carlsen, muss sich klar für den Schachsport entscheiden.»

Wirre Betrugsvorwürfe

Dennoch gewann Anna Rudolf verschiedene Titel. Dreimal wurde sie ungarische Landesmeisterin und seit zehn Jahren trägt sie den Titel Grossmeisterin der Frauen. Dabei spielte sie teilweise so gut, dass sich ein Trio von Schachspielern zu – wie sich später herausstellen sollte – haltlosen Anschuldigen hinreissen liess. An einem Turnier vor elf Jahren unterstellten ihr die Gegenspieler nicht weniger als Betrug. Anna Rudolf hatte den Wettkampf bis zur letzten Runde überraschend angeführt. Der Vorwurf: Ein Computerprogramm soll ihr die besten Züge angezeigt haben.

Weil Anna Rudolf während den Partien oft aufstand und dabei immer einen Gegenstand mitnahm, folgerten die Männer, dass sich das Programm in diesem befinden sollte: in ihrem Lippenpflegestift. Tatsächlich musste sie darauf hin ihre Tasche samt dem Lippenpflegestift durchsuchen lassen. Eine wirre Episode, die Anna Rudolf zumindest kurzzeitig weltbekannt machte. Von den USA bis nach Australien: Überall berichteten Zeitungen von diesem Vorfall. «Im ersten Moment war ich sehr enttäuscht über das Verhalten dieser Spieler», sagt Anna Rudolf. Im Nachhinein habe ihr das Ereignis aber einen besonderen Antrieb gegeben. Sie wollte ihr Können nun erst recht allen beweisen.

Grösster Erfolg in Biel

Einer ihrer grössten Erfolge feierte Anna Rudolf in Biel. Vor vier Jahren erreichte sie die letzte Norm, die für den Titel «Internationaler Meister» nötig war. Die Organisatoren wurden auf ihren Erfolg aufmerksam und luden sie ein, als Gast beim Livestream teilzunehmen. Kommentator war Daniel King. Zum ersten Mal trat Anna Rudolf an einem Schachevent vor die Kamera. «Damals ist mir klar geworden, dass ich das mehr machen will.»

Nach dem Schachfestival 2014 wagte sie erste Versuche in einem Videoblog. Etwas später kommentierte Anna Rudolf bereits Turniere. Eine Zeit lang fuhr sie als Spielerin und Kommentatorin zweigleisig. Dies hat sie mittlerweile aufgegeben. «Es war irgendwann einfach nicht mehr vereinbar», so Anna Rudolf. Als Schachspielerin habe sie sich die meiste Zeit auf ihr Spiel und das des Gegners konzentrieren müssen. Sie vermisste es, etwas vom Drumherum mitzubekommen.

Als sie dann von den Organisatoren angefragt wurde, das Schachfestival in Biel zu kommentieren, musste Anna Rudolf nicht lange überlegen. «Vor vier Jahren war es noch ein Wunsch, der ganz weit weg erschien. Umso mehr bedeutet es mir, das Turnier nun zusammen mit Daniel zu kommentieren.»


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