Ein Anruf veränderte alles

Ein Anruf veränderte alles

Im Frühling dachte sie über den Rücktritt nach, am Samstag nimmt Melanie Barbezat an ihrer ersten Europameisterschaft teil. Die 27-jährige Bielerin erzählt, wie sie ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.

Eigentlich hatte Melanie Barbezat mit dem Curling abgeschlossen. Als die Bielerin im Februar gefragt wurde, wie es bei ihr in der nächsten Saison weiterginge, antwortete sie: «Wahrscheinlich gar nicht.»

Rückblick: Das von Skip Melanie Barbezat angeführte Bieler Team startete mit einer Bronzemedaille an der Schweizer Meisterschaft (2015) zwar gut in sein erstes Elite-Jahr, konnte danach jedoch nicht an den Erfolg anknüpfen. Als sie es 2017 zum zweiten Mal in Folge verpassten, sich für die Schweizer Meisterschaft zu qualifizieren, gingen die vier Frauen getrennte Wege.

Im Olympia-Jahr ein neues Team zu suchen, machte aus Barbezats Sicht keinen Sinn. Sie nahm nur vereinzelt an Turnieren im Mixed Doubles teil und widmete sich mehr ihrem Beruf. Als Physiotherapeutin in einer Leitungsfunktion hatte sie eine fordernde Aufgabe gefunden und war bereit, sich ganz auf diese zu fokussieren. Ein Anruf veränderte alles.

«Nie in einem Highlight-Video»
Im März wurde Melanie Barbezat von Silvana Tirinzoni kontaktiert. Die Zürcherin, die im Februar noch als Skip das Schweizer Frauenteam in Pyeongchang anführte, erklärte, dass sie noch eine Curlerin für ihr neues Team suche und dass Barbezat ihre Wunschbesetzung sei. Tirinzoni lud die 27-Jährige in ein Training ein, das zwei Tage später stattfand. Bis dahin solle sie sich entscheiden. «Ich konnte die folgenden Nächte kaum schlafen», erinnert sich Barbezat. Gerade als sie sich entschlossen hatte, dem Curling den Rücken zu kehren, bot sich ihr eine grosse Chance.

Denn zu den beiden Olympia-Spielerinnen Tirinzoni und Neuenschwander ist mit Alina Pätz eine zweifache Weltmeisterin gestossen, die als technisch ausgezeichnete Curlerin gilt. Der Seeländerin war klar: Dieses Team wird nicht nur um die Teilnahme an Grossevents spielen, nein, es dürfte dort auch zu den Medaillenkandidaten gehören.

Barbezat sprach mit ihrem Chef über den Anruf und er ermunterte sie, das Training zu besuchen. Als Tirinzoni dann fragte, ob sie ein Teil des Teams werden wolle, sagte Barbezat zu. «Ich dachte: ‹Diese Chance darfst du dir nicht entgehen lassen.›»

Als Lead übernimmt Barbezat eine etwas undankbare Rolle. Sie spielt die ersten Steine, die oftmals als Guard vor dem Haus platziert werden. Diese sind wichtig – ein Fehler kann das ganze End vermasseln –, aber unspektakulär. Oder wie es Barbezat erklärt: «In Highlight-Videos werden meine Steine sicher nicht auftauchen.» Das macht ihr jedoch nichts aus. In einem Team müsse jede wissen, welche Aufgabe sie habe. Diese gelte es, bestmöglich auszuführen.

Früher war Melanie Barbezat als Skip die Taktgeberin, fortan wird sie mit den Spielentscheidungen weniger zu tun haben. Auch das stört die Bielerin nicht. «Denn mit Silvana haben wir die wahrscheinlich weltbeste Taktikerin in unserem Team.»

«Trainieren mehr als Fussballer»
Die Entscheidung pro Curling hatte freilich Auswirkungen auf ihren Beruf. Erst reduzierte Barbezat ihr Pensum, später suchte sie sich eine neue Stelle. Ein- bis zweimal täglich trainiert sie auf dem Eis, dazu kommt eine Einheit im Kraftraum. Mehr als 50 Prozent zu arbeiten, sei so nicht möglich, erklärt Barbezat. Als Profi zu leben, jedoch auch nicht. «Wir trainieren mehr als Fussballer und Eishockeyspieler. Aber finanzieren können wir das kaum.» Denn die Curlerinnen sind praktisch ständig unterwegs. Sie nehmen an Turnieren auf der ganzen Welt teil; oftmals in Übersee. Das hat seinen Preis. Die mühsame Suche nach Sponsoren ist deshalb auch für ein Topteam im Curling allgegenwärtig. Auch, um für die hiesigen Unterstützer attraktiv zu werden, ist ein gutes Abschneiden an einer Europa- oder Weltmeisterschaft zentral.

Für die am Samstag beginnende EM hat sich das neuformierte Team Aarau, in dem mit der Porterin Marisa Winkelhausen eine zweite Seeländerin als Ersatz fungiert, problemlos qualifiziert. Es wies die beste Turnierbilanz aller Schweizer Equipen auf. «Das Ziel ist ganz klar, eine Medaille zu gewinnen», sagt Barbezat. Mit starken Resultaten, darunter ein zweiter Rang an einem der renommierten Grand-Slam-Turniere in Kanada, haben die Schweizerinnen ihr Potenzial bereits eindrücklich unter Beweis gestellt. Und für Melanie Barbezat hat sich das Leben von Grund auf verändert.


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