Einmal monatlich werden 800 Löcher in den Platz gebohrt

Einmal monatlich werden 800 Löcher in den Platz gebohrt

Sie verarzten, was Sportler kaputt gemacht haben: Die Arbeiter der Bieler Stadtgärtnerei sind dafür besorgt, dass die Rasenflächen auch nach intensiver Nutzung wieder bespielbar sind und keine Schäden davon tragen. Das ist zeit- und kostenintensiv.

Wo normalerweise gegrätscht, gedribbelt und geellbögelt wird, geht es nun etwas gemächlicher zu und her. Denn heute sind für einmal nicht die Fussballer auf dem Feld, sondern die Gärtner.

Stefan Bill ist ihr Teamleiter. Er schlendert über das Grün der Tissot Arena und erklärt soeben, wie das bekannte Streifenmuster im Rasen entsteht. Plötzlich stutzt er. Er blickt hinter sich, macht kehrt und begutachtet eine eingedrückte Stelle. Sie ist etwa fussgross und die Halme etwas heller als die rundherum. «Das muss ich im Auge behalten», sagt Bill. Seine Befürchtung: Es könnte sich ein Pilz entwickeln.

Dass Fussballrasen von Pilzen befallen wird, kommt immer wieder vor. Meist schmerzt dies nur das Auge des Betrachters. Ist der Pilz aber aggressiv, kann er grossen Schaden anrichten. Im Basler
St. Jakob-Park musste beispielsweise vor zwei Monaten ein neuer Rasen verlegt werden, weil der alte von einem Pilz verwüstet wurde. Vor einem Jahr machten die Schädlinge nicht einmal vor der grossen Allianz-Arena in München halt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie via Fussballschuhe ganz leicht übertragen werden können. Ist ein Rasen einmal befallen, ist die Chance gross, dass sich der Pilz ausbreitet.

 

Rasenhöhe ist vorgegeben
Weil eine Auswechslung eines Rasenspielfeldes sehr teuer ist, meist mehrere hunderttausend Franken kostet, muss er gut gepflegt werden. Auf den Bieler Fussballplätzen übernehmen die verschiedenen Platzwarte der Vereine die Feldmarkierungen und das Versetzen der Fussballtore. Weil die Felder der Stadt gehören, ist die Stadtgärtnerei für die gesamte Rasenpflege verantwortlich. Insgesamt betreibt sie 25 Fussballplätze: 19 mit Natur-, 6 mit Kunstrasen. Das sind etwa gleich viele Felder wie die Stadt Luzern betreibt und mehr als doppelt so viele Plätze als die Thuner Stadtgärtnerei unterhält. Wobei Biel unter anderem auch die Rasenfläche im Mettmoos dazuzählt, auf der mehrheitlich die Sportarten American Football und Rugby ausgetragen werden. Möglich ist ausserdem, dass die Plätze beim Mühlefeld wegfallen, sollte der Westast gebaut werden. Ob die Felder im Rahmen der Arbeiten ausgehoben und später wiederhergestellt werden, ist indessen noch offen.

Für die verschiedenen Grünflächen Biels sind zwei Gruppen zuständig. Die Gruppe Nord, die in etwa für den Bereich nördlich der Schüss zuständig ist, und die Gruppe Süd. Teamleiter Stefan Bill schätzt, dass er rund die Hälfte seiner Arbeitszeit mit der Pflege von Biels Fussballfeldern verbringt. In der Tissot Arena ist er sogar an praktisch jedem Tag. Dort wird der Rasen nach jedem Spieltag gepflegt. Das macht meist einen halben Werktag aus. An den anderen Tagen geht Bill ins Stadion, um allfällige Schäden und die Bewässerung zu kontrollieren. Seit 17 Jahren ist der 52-Jährige bei der Stadt Biel angestellt. «Mit der Tissot Arena hat sich der Aufwand für die Fussballfelder massiv erhöht», so Bill.

Dies nicht zuletzt, weil in diesem Stadion neben den Partien des FC Biel auch internationale Spiele ausgetragen werden und der Rasen somit Uefa- und Fifa-Ansprüchen genügen muss. Von den Verbänden wird unter anderem vorgegeben, dass die Rasenhöhe die 30-Milimeter-Marke nicht überschreiten darf. Weil Stefan Bill die Höhe beim Rasenmäher nicht immer neu einstellen möchte, kommt auch der FC Biel in der interregionalen Zweitliga in den Genuss eines Weltverband-konformen Rasens.

 

Helle Flecken vermeiden
Mit einem gabelartigen «Zweizinker» ausgerüstet gehen die vier Stadtgärtner durchs sonnenbeschienene Stadion. Am Wochenende hat der FC Biel den Spitzenkampf gegen Tavannes/Tramelan für sich entschieden. Obwohl die Partie bei trockenen Bedingungen ausgetragen wurde, zeugen Abnützungserscheinungen im Rasen von Zweikämpfen, schnellen Antritten und abrupten Stopps. Diverse Rasenteile wurden ausgerissen. Bill hebt die betroffenen Stellen etwas an, gibt ein paar Samen darauf und drückt sie dann mit dem Fuss wieder flach. Es ist wichtig, dass das Wasser weiterhin gut abfliessen kann. «Sonst kommt es zu Staunässe.»

Der Untergrund der Tissot Arena besteht zu etwa 80 Prozent aus kalkarmen Sand und zu etwa 20 Prozent aus Humus. Der hohe Anteil Rasensand schafft eine Drainage zum Schutz vor Staunässe. Zudem sorgt der Quarzsand für eine gute Bewurzelung und eine Verbesserung der Bodenstruktur.

Weil das Wasser so gut abfliesst, muss der Platz entsprechend öfter bewässert und auch gedüngt werden. Jährlich wird in der Tissot Arena bis zu achtmal gedüngt. Teilweise an festen Daten, manchmal veranlasst Bill eine zusätzliche Düngung. Er kennt die Anzeichen gewisser Mängel. «Wird der Rasen hell, fehlen ihm die Nährstoffe», so der Gärtner. Das führt dazu, dass er weniger strapazierfähig wird und nach den Spielen entsprechend mitgenommen aussieht.

 

Kein konventioneller Rasen
Einmal monatlich wird der Rasen umfänglich geflickt. Sämtliche Kahlstellen werden ausgestochen und durch neue Rasenteile ersetzt. Insgesamt sind das jeweils 800 kleine Rasenteile, die neu verlegt werden. Sie haben einen Durchmesser von etwa zehn Zentimeter und eine Höhe von rund sechs Zentimeter. Bei einer geringeren Höhe bestünde die Gefahr, dass die neuen Rasenteile beim nächsten Spiel wieder ausgerissen werden. So passen sie sich jedoch dem Rasen perfekt an. Niemand käme auf die Idee, dass soeben 800 Löcher ins Feld gebohrt wurden.

Diesen Aufwand erhalten jedoch nicht alle Bieler Fussballplätze. Nur der «Hightechrasen» in der Tissot Arena, wie ihn Bill bezeichnet. Zwar werden die anderen Fussballfelder ebenfalls gemäht, gedüngt und gesandet, jedoch um ein Vielfaches weniger als der Rasen in der Tissot Arena. In Zahlen ausgedrückt: Die Pflege des Fussballfeldes in der Tissot Arena kostet jährlich rund 250 000 Franken, die Pflege eines anderen Feldes in Biel etwa 100 000.

Die Erklärung: Auf den meisten Sportplätzen arbeitet die Stadtgärtnerei mit einem konventionellen Sportrasen. Das Spielfeld in der Tissot Arena benötigt in Folge seines speziellen Tragschichtaufbaus bestimmte Gräser, die den Belastungen besser standhalten als andere. Ohne gezielte Nährstoff- und Sandzugaben sowie mehrfache Bodenbearbeitung und entsprechender Bewässerung würden andere Kräuter wachsen. Diese wären anfälliger, beispielsweise weniger trittfest, und gingen unter der Belastung eher kaputt.

 

Je mehr Schnee, desto teurer
Bei Kunstrasenplätzen ist der Aufwand nicht ganz so gross. Düngen, Mähen und Sanden fallen komplett weg. Auch Spritzmittel gegen Pilzkrankheiten sind nicht nötig. Einzig bewässert wird weiterhin, um Schürfwunden bei den Spielern zu minimieren. Mit einer Maschine werden einerseits Verunreinigungen in einem Sieb aufgefangen und andererseits wird das Gummigranulat auf dem Feld verteilt. Das ist nötig, um die Kunstfasern zu schonen. «Grösstes Ärgernis sind die Kaugummis», sagt Bill. Diese werden von den Gärtnern jeweils mit einem Spray vereist und können dann entfernt werden, ohne weiteren Schaden am Platz anzurichten.

Weil der Aufwand kleiner ist, sind auch die Kosten nicht ganz so hoch wie bei Naturrasen. Pro Feld sind es rund 55 000 Franken jährlich. «Schneit es im Winter besonders oft, ist es der Betrag etwas höher», fügt Bill an. Denn dann müssen die Gärtner mit der Schneefräse dafür sorgen, dass der Platz bespielbar bleibt. Die Maschine ist so eingestellt, dass alles ab einer Höhe von einem Zentimeter weggeräumt wird. Tiefer stellt Bill die Maschine nicht ein, weil es sonst Schäden am Kunstrasen verursachen könnte. Die Ein-Zentimeter-Schneeschicht taut im Normalfall von alleine.

 

Fahrtrichtung ändern
Gerade im Winter sind die Fussballer auf die Räumungsarbeiten angewiesen. Denn die drei Kunstrasenplätze bei der Tissot Arena sind in Vollbetrieb. In den Wintermonaten trainieren bis zu 18 Teams, also rund 300 Fussballerinnen und Fussballer, täglich auf den drei Plätzen. Darunter sind nicht nur Bieler Teams, sondern auch einige externe Mannschaften, deren Verein kein Kunstrasenfeld hat.

«Hoi Stefan.» Arturo Albanese, Sportchef des FC Biel und Mitarbeiter beim städtischen Sportamt, ist im Stadion aufgetaucht. Kurz tauscht er einige Worte mit Bill aus. «Unser nächstes Spiel ist am Sonntag und es wird wohl regnen.» Bill zuckt mit den Schultern. «Dann haben wir am Montag sicher genug zu tun.»

«Ach ja, fast hätten wir das Streifenmuster vergessen», sagt Bill plötzlich. Es entsteht durch einen Wechsel der Fahrtrichtung beim Mähen. Bei den einen Abschnitten mäht der Verantwortliche von links nach rechts, bei den anderen von rechts nach links. Die Halme werden von Rasenmäher leicht in die eine oder andere Richtung gedrückt. Je nachdem, wo der Zuschauer im Stadion steht, wirken die Streifen heller oder dunkler. «Das ist keine Hexerei», so Bill augenzwinkernd. Und doch gilt es, anzuerkennen: Je komplizierter die Muster, desto mehr Zeit hat der Bieler Mähspezialist Peter Sulliger in sein Werk investiert.


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