«Er ist nicht so wild, wie er aussieht»

«Er ist nicht so wild, wie er aussieht»

Gegner und Schiedsrichter erleben ihn als impulsiv und laut. Die eigenen Spieler beschreiben ihn als überlegt und akribisch. Marco Bieli ist Trainer des UHC Kappelen. Noch. Nach einem Jahrzehnt in der Kleinfeld-Szene hört der Oberländer auf.

Marco Bieli sehnt sich nach Langeweile. Er möchte mal wieder nicht wissen, was er tun soll. Langweile werde unterschätzt und sei zu Unrecht negativ behaftet, sagt der Oberstufenlehrer. Um mehr Zeit für sich zu haben, wird Bieli nach dieser Saison sein Traineramt beim UHC Kappelen abgeben. Damit verliert das Kleinfeld-Unihockey eine prägende Figur. Ein Jahrzehnt lang war Marco Bieli als Mann an der Seitenlinie tätig und machte sich aus mehreren Gründen einen Namen.

Wer den 40-Jährigen während eines Spiels beobachtet, der sieht meist zwei Seiten. Einerseits ist da der laute, impulsive Bieli. Er staucht den Schiedsrichter zusammen, wenn er mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist. Er geht bis an die Abgrenzung des Spielfelds heran, schreit, gestikuliert mit den Armen. Seine Spieler versuchen dann, ihn zu beruhigen. Er ist jedoch kaum mehr zu bremsen. Andererseits ist da der überlegte, einfühlsame Bieli. Er studiert das Spielgeschehen, passt die Taktik laufend an. Nach einer missglückten Aktion kniet er neben den Spieler hin, legt die Hand auf seine Schulter und baut ihn auf.

Als Kappelens Vereinspräsident Reto Hügli gefragt wird, was er über Marco Bieli sagen könne, antwortet dieser: «Er ist nicht so wild, wie er aussieht.»

Ungewaschene Mütze und Meditation
Marco Bieli würde problemlos als Holzfäller durchgehen. Er ist 1,91 Meter gross, hat breite Schultern und einen struppigen Bart. Sein Wohnort Schwendibach – ein 250-Seelen-Dorf – ist von Wäldern umgeben. Sein Nachname passt auch.

Markant sind zudem seine von Tätowierungen geprägten Arme und die dünne Wollmütze auf seinem Kopf. Diese Mütze, so gibt Marco Bieli zu, hat er seit dem Saisonbeginn nicht mehr gewaschen. Das hängt jedoch mit dem im Sport weitverbreiteten Aberglauben zusammen. Solange der UHC Kappelen ungeschlagen bleibt, muss die Mütze auf eine Wäsche warten.

In der Schule erntet Marco Bieli bei Lehrer-Eltern-Gesprächen hin und wieder einen kritischen Blick. Umso mehr müsse er sich als guter Ausbildner beweisen. Im Unihockey hat er aufgrund seiner Dispute mit den Schiedsrichtern das Image eines «wilden Cheibs» inne. Er hege jedoch keine Abneigung gegenüber den Unparteiischen, hält Marco Bieli entschieden fest. Er versuche, durch die Diskussionen schlicht so viel Einfluss aufs Spielgeschehen zu nehmen wie möglich. Spielt der UHC Kappelen, dann bedeutet das für ihn: Wir gegen den Rest der Welt. Allerdings ist Marco Bieli auch bewusst, dass seine Reaktionen teilweise etwas gar heftig ausgefallen sind. Auch deshalb setzt er seit Kurzem auf morgendliche Meditation.

Als Kappelens Captain Mathias Otti gefragt wird, was er über seinen Trainer sagen könne, antwortet dieser: «Ich hatte noch nie einen Trainer, der uns so akribisch auf kommende Begegnungen vorbereitet.»

Aus Liebeskummer nach Kappelen
Bielis Hingabe und Akribie gipfelten in der Erstellung eines Playbooks für seine Spieler. In diesem sind verschiedene Spielzüge aufgeführt, ausserdem notierte Marco Bieli Stärken und Schwächen der gegnerischen Teams und einzelner Spieler. Etwas, das man nur aus dem Profi-Sport kennt.

Wenn er etwas anpacke, dann ganz oder gar nicht, erklärt Marco Bieli. Im Gegenzug verlangt er auch von seinen Spielern viel Engagement. Das ist bei den Hobbysportlern im Kleinfeld-Unihockey nicht immer gut angekommen. Beim UHC Blumenstein, wo der Oberländer vorher Trainer war, stellte sich mitten in der Saison 2016/17 ein Teil des Teams gegen ihn. Die Vorstellungen über den Trainingsaufwand divergierten. Deshalb lösten Bieli und Blumenstein den Vertrag auf.

Das hätte bereits das Ende seiner Unihockey-Tätigkeiten sein können. Hätte es da nicht eine einschneidende Veränderung in seinem Privatleben gegeben: Nach zehn Jahren ging Marco Bielis Beziehung in die Brüche. In dieser Zeit habe er dringend eine Ablenkung gebraucht, erinnert er sich. Das Angebot aus Kappelen kam gerade richtig. Die ambitionierten Seeländer, das wusste Bieli, würden angesichts seiner hohen Ansprüche nicht einknicken. Da nahm er auch die eineinhalbstündige Autofahrt hin und zurück in Kauf, die ihm fortan zweimal wöchentlich bevorstehen sollte.

Als Kappelens Angreifer Sandro Bieli gefragt wird, was er über seinen Bruder sagen könne, antwortet dieser: «Er ist ein grossartiger Motivator, der immer die richtigen Worte findet. Wir werden alles geben, um ihm einen schönen Abgang zu ermöglichen.»

Zuletzt zweimal knapp gescheitert
Nach knapp drei Saisons habe er als Trainer alles gesagt, was es zu sagen gebe, sagt Marco Bieli. Es werde Zeit für neue Inputs. Zudem hat sich Bielis private Situation erneut geändert. Er ist in einer neuen Beziehung. Sie stehe auf seinen langen Bart, sagt er und lacht. Dass er oft noch am Tag nach einem Spiel mit dem UHC Kappelen über die Geschehnisse nachdenkt, belastet das Paar jedoch. Bereits Ende der letzten Saison dachte Bieli darüber nach, dem Unihockey den Rücken zu kehren. Da er dem Verein ursprünglich für drei Saisons zugesagt hat, beschloss er, nach Absprache mit der Freundin, noch eine Spielzeit anzuhängen. Nicht zuletzt reizt es Bieli allerdings auch, nach den verlorenen Finals in Cup und Meisterschaft endlich einen Titel mit den Kappelern zu gewinnen.

Ob es gelingt oder nicht: Im kommenden Frühling sei sicher Schluss. Marco Bieli wird Kappelen in guter Erinnerung behalten und dem Verein weiterhin angehören. Trotzdem, dahingehend ist sich Bieli sicher, wird ihm der Abschied leichtfallen. Er freut sich darauf, mal wieder ein Buch zu lesen, zu wandern oder zu biken; je nach Lust und Laune. Ein bisschen chillen, würden seine Neuntklässler sagen. Hauptsache keine festen Trainings- oder Matchtermine mehr. Marco Bieli sehnt sich nach Langeweile.


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