Fast aus dem Leben und wieder zurück

Fast aus dem Leben und wieder zurück

Rund 20 Jahre war er in der regionalen Fussballszene anzutreffen. Nun hat sich Patrice Oppliger voll und ganz dem Laufsport verschrieben. Dazwischen musste er jedoch um sein Leben bangen.

Als letzte Vorbereitung auf den heutigen 100-km-Lauf ging Patrice Oppliger am Mittwoch in eine Kältekammer. Erst Minus 15, dann Minus 60, am Schluss waren es Minus 110 Grad Celsius. Über drei Minuten setzte er seinen Körper der immensen Kälte aus. Die Methode hat längst den ambitionierten Breitensport erreicht. Weil sich die peripheren Gefässe verengen, verteilt sich das Blut von der Oberfläche ins Körperinnere. Dadurch werden die Muskeln stärker durchblutet und vermehrt mit Sauerstoff versorgt. Für Oppliger war es das erste Mal, dass er in eine Kältekammer stieg. Er habe den Tipp von mehreren Sportlern erhalten. «Ob es etwas bringt, sehen wir dann», sagt er trocken.

Ein halbes Jahr hat der Schüpfener spezifisch auf den Hunderter hin trainiert. Dabei hat er pro Monat rund 400 Kilometer abgespult. Auch Regen oder Schnee konnten ihn nicht vom Laufen abhalten. Er liebe es einfach, nach einem Arbeitstag den Kopf im Wald zu lüften. «Ich brauche schlicht die Bewegung.» Dass er zudem seinen etwa 15 Kilometer langen Arbeitsweg jeweils mit dem Velo absolviert, unterstreicht seine Aussage.

Fussball und Triathlon

Das war bereits so, als Oppliger noch Fussball spielte. Rund 20 Jahre hütete er das Tor beim langjährigen Zweitligisten SC Aegerten Brügg, Juniorenzeit nicht eingerechnet. Ein Ausdauersportler als Torhüter? «Ja, das beisst sich etwas», räumt Oppliger ein. Im Fussball stand für den Schlussmann die Schnelligkeit im Zentrum, nicht die Ausdauer. War er hingegen mal nicht auf dem Fussballfeld, widmete er sich seiner zweiten Leidenschaft: dem Triathlon. Dreimal absolvierte er den «Inferno» im Berner Oberland. Dabei legte er von den insgesamt 155 Kilometern 3 schwimmend, 97 auf dem Rennrad, 30 auf dem Mountainbike und 25 laufend zurück. Kein Wunder, gilt der Wettkampf wegen seinen 5500 Höhenmetern als einer der härtesten Triathlons der Welt.

Starke Schmerzen

Er habe schon immer viel Selbstdisziplin gehabt, erklärt Oppliger und macht den Link zu seiner Torhüterposition. «Als Goalie ist man halt auch derjenige, der noch ein separates Training anhängt.» Mit dem Fussball hat der 40-Jährige mittlerweile abgeschlossen. Irgendwann habe man einfach genug. Der zweifache Vater wollte wieder mehr Zeit seinen Kindern widmen. Den Abstieg Aegertens in die Viertklassigkeit im Jahr 2015 hat er jedoch noch als Spielertrainer miterlebt. Dies sei zwar traurig gewesen, doch ein Schicksalsschlag im Jahr zuvor liess Oppliger das Ganze in einem anderen Licht erscheinen. Denn da geriet das Leben des damals 37-Jährigen arg in Gefahr.

Mit starken Bauchschmerzen wurde er ins Spital eingeliefert. Die Ursache blieb lange unklar. Als sich sein Zustand massiv verschlechterte, sahen sich die Ärzte gezwungen, seinen Bauch zu öffnen. Während der Operation stellte sich heraus, dass sein Blinddarm geplatzt war und sich deshalb seine Bauchhöhle stark entzündet hatte. Für einen kurzen Moment hing sein Leben an einem Faden, danach ging alles sehr schnell. Als Oppliger aus der Narkose erwachte, hatte er derart starke Schmerzen, dass er sich für einen kurzen Moment wünschte, gar nicht mehr am Leben zu sein. Eine Momentaufnahme, natürlich. Doch der Weg zurück war hart. Der athletische Mann, dessen Körper jahrelang wie ein Uhrwerk funktioniert hatte, konnte zu Beginn kaum mehr als ein paar Schritte gehen vor lauter Erschöpfung. «Es war schlimm», erinnert sich Mutter Rosmarie Oppliger. Er selbst bestätigt: «Das war keine schöne Zeit. Es blieb mir nichts anderes übrig, als einfach den Ärzten zu vertrauen.» Oppliger hatte letztlich Glück im Unglück. Er trug einzig eine grosse Narbe davon.

Angst vor Langzeitfolgen hat er nicht. Er habe sich «total davon erholt». Dies stellte er nicht zuletzt vor einem Jahr unter Beweis, als er zum ersten Mal am 100-km-Lauf im Rahmen der Bieler Lauftage teilnahm und dabei gleich eine Zeit unter zehn Stunden aufstellte. Und dies trotz unregelmässiger Trainingseinheiten. Als er ohne grössere Probleme ins Ziel kam, habe er sich gefragt: «Was ist möglich, wenn ich spezifisch auf den Lauf hin- arbeite?»

Ziel: Eine Stunde schneller

Das wird Oppliger heute Nacht herausfinden. Sein Ziel ist ambitioniert. Er möchte rund eine Stunde schneller laufen als im Vorjahr, also unter der 9-Stunden-Marke bleiben. Unterstützt wird er dabei von seinem ehemaligen Trainerkollegen und bestem Freund Reto Leibundgut. Er begleitete Oppliger bereits im Vorjahr auf dem Fahrrad. Zusammen haben sie eine grobe Zeittabelle erstellt, um das hochgesteckte Ziel zu erreichen. Dass seine ausschliesslich positive Erfahrung aus dem Vorjahr auch die Gefahr der falschen Sicherheit birgt, weiss Oppliger. Unterschätzen wird er den Lauf sowieso nicht. Denn er weiss: «Während des Hunderters kann alles passieren.»


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