Gegen alle Widrigkeiten

Gegen alle Widrigkeiten

Morgen steigt Jenny Perret in das Flugzeug nach Pyeongchang, wo sie acht Tage später zum ersten Mal an Olympischen Winterspielen im Einsatz stehen wird. Doch um sich ihren Olympia-Traum zu erfüllen, musste die Sutzerin mehrere Tiefs überstehen.

Jenny Perret rutscht übers Eis auf Teampartner Martin Rios zu. Sie umarmt ihn und scheint ihn fast nicht mehr loslassen zu wollen. Kurz schauen sich die Curler an und lächeln, Perret hält die Tränen nicht zurück. «Some happy emotions there», meint die kanadische Kommentatorin. Es ist der 29. April, kurz nach halb eins Uhr Ortszeit. Das Schweizer Duo hat mit dem 7:6-WM-Halbfinalsieg soeben die Olympia-Qualifikation geschafft.

Die Emotionen von damals lassen sich für Perret einige Monate später kaum in Worte fassen. «Es ist eine riesige Ehre», sagt sie schlicht, als sie gefragt wird, was ihr die Teilnahme an den Olympischen Spielen bedeute. Doch die Bilder der Weltmeisterschaft zeigen, wie wichtig dieser Erfolg für die Seeländerin war. Besonders nach der ganzen Vorgeschichte und dem Druck, der auf ihr lastete.

Die Curling-Familie

An den Winterspielen, die für Jenny Perret bereits einen Tag vor der Eröffnungsfeier beginnen, könnte sie in die Fussstapfen Daniel Müllers treten. Der Bieler Curler brachte vor 20 Jahren eine Olympiamedaille aus Nagano ins Seeland mit – es war die Goldene.

Wie es der Zufall will, war genau dieser Erfolg die Initialzündung für Perrets Curlingkarriere. Die damals Sechsjährige verfolgte die Partien der Schweizer regelmässig vor dem Fernseher, denn sie kannte Müller als früheren Team- und Vereinskamerad ihrer Eltern. Nach den Spielen entschied sich Jenny Perret dafür, in die Sportart reinzuschnuppern. Ihre Mutter Gabi Perret, die schon damals als Juniorencoach in Biel tätig war und es bis heute ist, erinnert sich: «Jennys Talent war schon früh ersichtlich. Sie bewegte sich problemlos auf dem Eis und entwickelte schon bald ein gutes Gespür für die Steinabgabe.»

Man könnte sogar noch weiter gehen und behaupten, dass es ohne Curling keine Jenny Perret gäbe. Ihre Eltern, Carlo und Gabi Perret, haben sich nämlich durch den Eissport kennengelernt. Das Paar zog zu Beginn der 1990er-Jahre aus beruflichen Gründen in die USA, wo es drei Jahre lebte und aus der Liebe zwei Kinder entstanden. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass Jenny und ihr zwei Jahre jüngere Bruder Matthias neben dem Schweizer auch den amerikanischen Pass besitzen. Da die beiden seither nur selten in den USA waren, spüren sie keine grosse Verbundenheit zu ihrem Geburtsland.

Auch Matthias Perret liess sich vom Curling-Fieber der Eltern anstecken. Mit dem Team Biel Touring stand er unter anderem zweimal in der Endrunde der Schweizer Meisterschaft. Seit der Auflösung im letzten Jahr spielt er Mixed Doubles mit Melanie Barbezat, einer ehemaligen Teamkollegin von Jenny Perret. «Jenny», so sagt er, «ist in den entscheidenden Momenten enorm nervenstark.»

Das streitende Ex-Paar

Eine Fähigkeit, die dazu führte, dass Jenny Perret in ihren Teams oft die letzten Steine spielte. So auch im Mixed Doubles mit dem Glarner Martin Rios. Die beiden Curler stehen seit gut fünf Jahren zusammen im Einsatz, die ersten drei Jahre davon waren sie ein Paar.

Dass Paare im Curling ein Team bilden, kommt hin und wieder vor. Selbst beim olympischen Turnier treten Duos an, die auch abseits des Eises zusammen sind. Dass zwei Curler weiterhin ein Team bleiben, nachdem sie sich privat getrennt haben, dürfte hingegen seltener der Fall sein. Ausschlaggebend für diesen Entscheid war, dass das Olympische Komitee im Sommer 2015 die Disziplin Mixed Doubles ins Programm aufnahm. Perret und Rios hatten sich bis dahin zu einem eingespielten Team entwickelt und rechneten sich Chancen aus, sich für Pyeongchang qualifizieren zu können. Deshalb beschlossen sie, auf dem Eis weiterhin zusammenzuspannen. «Das war zu Beginn nicht einfach», gibt Perret zu. «Es brauchte Zeit, bis wir uns wieder normal verhalten haben.»

Wobei «normal» bei Perret und Rios bedeutet, sich auf dem Eis auch mal ordentlich die Meinung zu geigen. Hin und wieder keifen sich die Athleten auf dem Eis dermassen an, dass es auch andere Curler irritiert. «Ich würde es nicht ertragen, wenn mich mein Teampartner so heftig kritisiert», sagt Jennys Mutter Gabi Perret. «Aber meine Tochter weiss damit umzugehen.» Jenny Perret erklärt: «Wir brauchen das irgendwie; das pusht uns.» Sie erinnert sich an ein Turnier, das sie kurz nach der Trennung spielten. Rios hielt sich Perret gegenüber mit Kritik ganz offensichtlich zurück, was sie kaum ertragen konnte. «In der Garderobe sagte ich ihm klipp und klar, dass ich den alten Rios zurückhaben möchte.»

Die ominöse Steinberührung

Die grösste Prüfung stand den beiden jedoch noch bevor. An der Schweizer Meisterschaft im letzten Frühling, in der die internationale Vertretung der Schweiz gesucht wurde, kam es zu einer Szene, die später schweizweit diskutiert wurde. Beim Wischen eines entscheidenden Steins streifte Martin Rios diesen mit dem Fuss, wodurch er wahrscheinlich optimal abgelenkt wurde. Nachdem das gegnerische Team die Videoaufnahmen gesehen hatte, legte es Protest ein. Dieser wurde vom Verband abgelehnt. Bei der Begründung zog Verbandssportchef Andreas Schwaller ein Vergleich zum Fussball: «Ein Tor, das mit der Hand erzielt wurde, wird nach dem Spiel auch nicht zurückgenommen.»

Die Aufnahme gelangte in die sozialen Medien und einige Curler unterstellten Rios eine absichtliche Handlung. Dieser distanzierte sich klar von den Vorwürfen. «Ich kann zu den Aussagen von damals stehen: Ich habe den Stein nicht gespürt. Und falls ich ihn berührt habe, war es nie und nimmer Absicht», sagte der 36-Jährige vor wenigen Tagen. Das glaubten ihm nicht alle und das Duo wurde noch während der Meisterschaft mit offener Kritik bis hin zu Beleidigungen konfrontiert. Sogar gute Bekannte Perrets legten ihr nahe, das Turnier abzubrechen, womit sie sämtliche Olympia-Träume hätte begraben müssen. Das fehlende Vertrauen und die Missgunst machten Perret zu schaffen. Statt sich über den späteren Schweizer-Meister-Titel zu freuen, verzog sie sich nach der Siegerehrung umgehend und mit Tränen in den Augen in die Garderobe.

Ein Kapitel, das niemand im Umfeld Perrets gerne bespricht. «Das ist für mich abgeschlossen», sagt Jenny Perret. Vater Carlo ergänzt: «Die beiden haben die Antwort auf dem Eis gegeben.» In seiner Stimme schwingt Genugtuung mit. Auch die Eltern von Jenny Perret mussten sich einige bissige Kommentare anhören.

Die Antwort war ein Sieg an der nach dem Vorfall zusätzlich angesetzten WM-Ausscheidung und der folgenden Endrunde. Ein Turnier, an dem 39 Duos teilnahmen. Doch Jenny Perret und Martin Rios mussten sich nicht nur gegen die anderen Teams durchsetzen, sondern auch gegen die Zweifel, den Platz an der Weltmeisterschaft verdient zu haben.

Zurück zum 29. April des letzten Jahres: Rund zwei Stunden nach der Finalqualifikation tritt das Schweizer Duo zum Endspiel an. In einem dramatischen letzten End sichert Jenny Perret mit dem letzten Stein vier Punkte und dreht die Partie somit vom 2:5 zum 6:5. «Come on», schreit Rios und Perret ballt die Faust. Diesmal gibt es keine Tränen. Mit der Olympia-Qualifikation im Halbfinal hatten sie bereits bewiesen, dass sie zu den stärksten Teams der Welt gehören.


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