Gegen das Land ihrer Eltern

Gegen das Land ihrer Eltern

Vor zwei Jahren hat die Seeländerin Florijana Ismaili zuletzt im Nationalteam ein Tor erzielt. Nur einer der Gründe, warum ein Treffer im heutigen WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien speziell wäre.

Die Vorfreude bei Florijana Ismaili ist gross. Die Schweizer Nati trifft in der WM-Qualifikation heute Abend in Biel auf Albanien. Oder wie es die Seeländerin ausdrückt: «Ich spiele in meiner Stadt mit meinem Land gegen mein anderes Land.»

Das andere Land ist das Land ihrer Eltern. Florijana Ismaili besitzt zwar nur den Schweizer Pass, ist aber stolz auf ihre albanischen Wurzeln. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Albanische Sportportale informieren regelmässig über Ismaili. Nicht nur, wenn sie in der Schweizer Nationalmannschaft spielt, auch über sämtliche Auftritte im YB-Dress wird berichtet. «Ich fühle mich natürlich geehrt, dass ich auch für die Albaner eine Art Vorbild bin», so Ismaili.

Sowieso stolz auf ihre «Flori» sind die Angehörigen. Schon das Auswärtsspiel in Elbasan, der viertgrössten Stadt Albaniens, wurde zum grossen Familienfest. Rund 20 Verwandte von Florijana Ismaili, teils aus der Schweiz und teils aus Albanien, hatten sich auf den Rängen versammelt. Eine freudige Überraschung für Ismaili, die beim 4:1-Sieg der Schweiz zu Beginn der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde.

Fehlende Präzision

Die Krönung in Form eines Treffers blieb ihr verwehrt. Ismaili, die bei YB zu den torgefährlichsten Spielerinnen gehört, wartet in der Nati seit fast genau zwei Jahren, dem 27. November 2015, auf einen Torerfolg. Das liegt auch daran, dass sie zuletzt – wenn überhaupt – vor allem als Joker eingesetzt wurde. Die Europameisterschaft im Sommer musste Ismaili gar von zuhause aus verfolgen.

Am Freitag, beim WM-Qualifikationsspiel gegen Weissrussland, stand die Seeländerin zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder in der Startelf. Ismaili spielte im Sturm 90 Minuten durch. Ein solider Auftritt, aber das Tüpfelchen auf dem i fehlte.

Zwar dominierten die Schweizerinnen ihre Gegnerinnen zeitweise nach Belieben. Dem souveränen 3:0-Sieg im neuen Stadion in Schaffhausen standen jedoch zahlreiche ausgelassene Tormöglichkeiten gegenüber. Die Chancenverwertung wurde denn auch von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg moniert. «Vor dem Tor fehlten Konzentration und Präzision.»

Eine Kritik, von der sich Ismaili direkt angesprochen fühlt. «Als Stürmerin ist es meine Aufgabe, Tore zu schiessen», sagt die 22-Jährige. «Ich habe wirklich alles versucht, aber der Ball wollte einfach nicht rein.»

Erfolg nach Positionswechsel

Gänzlich unbeteiligt an den Toren war Ismaili nicht. Beim 1:0 spielte sich die Worbenerin in den gegnerischen Strafraum, wo sie mit zweifelhaften Mitteln zurückgehalten wurde. Ein Penaltypfiff erübrigte sich jedoch, weil Teamkollegin Wälti den Ball eroberte und an Calligaris weiterleitete, die dann für den Führungstreffer besorgt war. In der zweiten Halbzeit setzte Ismaili eine Weissrussin beim Spielaufbau so unter Druck, dass diese den Ball prompt in die Füsse von Reuteler spielte. Die Luzernerin netzte zum 3:0-Schlussstand ein.

Das allein reicht der Seeländerin jedoch nicht. «Ich messe mich immer an den erzielten Toren», sagt Ismaili. Deshalb war sie auch lange unzufrieden mit ihrer bisherigen Saison bei den Young Boys. In den ersten acht Meisterschaftsspielen traf sie nur dreimal. Nun scheint sich der Knopf bei ihr gelöst zu haben. Vier der letzten sechs YB-Treffer gehen auf Ismailis Konto, bei einem weiteren lieferte sie die Vorlage.

Auffällig: In diesen Partien spielte Ismaili nicht wie meist im Sturm, sondern im zentralen Mittelfeld auf der sogenannten Zehnerposition. Eine Position, die ihr offenbar liegt. «Ich fange gerne etwas mit dem Ball an und im Mittelfeld habe ich dafür mehr Raum als im Sturm», sagt Ismaili. Das Spiel mit dem Rücken zum Tor, also Bälle zu behaupten und sich gegen robuste Verteidiger durchzusetzen, passt der eher filigranen Spielerin weniger.

Klarer Favorit

Ob sie heute gegen Albanien wieder als Stürmerin oder im Mittelfeld zum Zuge kommt, ob sie überhaupt eingesetzt wird, weiss Ismaili freilich noch nicht. Wie die meisten Coaches lässt sich auch Voss-Tecklenburg vor einem Spiel nicht zu tief in die Karten blicken. Sie kündigte jedoch an, die eine oder andere «frische Kraft» reinzubringen.

Spielt Ismaili, stehen die Chancen gut, dass ihre Torflaute im Nati-Dress ein Ende findet. Denn alles andere als ein klarer Sieg der Schweizerinnen wäre eine Überraschung. Die Albanerinnen zeichneten sich bisher mehr durch ihren kämpferischen Einsatz als durch spielerisches Können aus. Mit der Ausnahme der Weissrussland-Partie musste Albanien in jedem Spiel der WM-Qualifikation mindestens vier Gegentreffer hinnehmen. Entsprechend liegt das Team nach vier Spielen mit null Punkten am Tabellenende. Ismaili ist sich denn auch sicher: «Wenn wir unser schnelles Passspiel aufziehen, sind wir klar überlegen.»

Sollte Florijana Ismaili auch noch ein Treffer im Nationaltrikot gelingen (es wäre erst ihr zweiter), in ihrer Stadt, gegen ihr «anderes» Land, wäre das ihr zuletzt verpasstes Tüpfelchen auf dem i.


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