Nach Olympia mit Federer aufs Eis?

Nach Olympia mit Federer aufs Eis?

Seit Samstag ist Martin Rios zurück in der Schweiz. Der Silber-Curler erzählt, wie 
er die Winterspiele erlebte und warum er seinen nie gebrauchten Twitter-Account reaktivierte.

Wer auch nur einen Meter von Martin Rios entfernt ist, versteht kein Wort von dem, was der Olympia-Curler erzählt. Eine besonders enthusiastische Fangruppe schwingt ihre mitgebrachten Treicheln und übertönt so Gesänge, Jauchzer und natürlich auch die tiefen, sanften Alphornklänge, die zuvor die Halle erfüllten.

Mehrere hundert Fans haben sich am Samstagabend am Zürcher Flughafen versammelt. Unmittelbar bei der Tür, durch die die Olympia-Helden eintreten, hat sich der Fanclub von Beat Feuz positioniert. Der Skifahrer, der zuerst erscheint, bleibt denn auch prompt stehen und begrüsst die bekannten Gesichter. Für ihn ist ein Empfang dieser Art nichts gänzlich Neues. Rund ein Jahr ist es her, als Beat Feuz nach seinem Goldgewinn an der WM-Abfahrt in seinem Heimatort Schangnau mit Pauken und Trompeten gefeiert worden ist.

Jenny Perrets und Martin Rios’ WM-Titel im Frühling hat weniger hohe Wellen geschlagen. Vielleich wirkt der in Biel wohnhafte Glarner auch deshalb etwas gehemmt, als er an Feuz vorbei geht und der Menge zuwinkt. Dann, ein paar Meter weiter, erblickt er die ebenfalls zahlreich erschienen Curlingfans. Es folgen einige innige Umarmungen, ein paar Schulterklopfer und dann der obligatorische Medientermin, bevor sich Rios dem Rest seiner angereisten Fans, Freunde und Familienangehörigen widmen kann. Seine ersten Worte an die Journalisten («Es ist gewaltig, wie wir hier empfangen werden») gehen im Glockenlärm unter.

Rios’ Twitter-Premiere

Nach dem Silbergewinn, die aus Schweizer Sicht erste Olympia-Medaille in Pyeongchang, wurden Jenny Perret und Martin Rios mit Gratulationen überhäuft. Eine freute die Mixed-Doubles-Curler ganz besonders. Roger Federer liess es sich nicht nehmen, den beiden via Twitter seine Glückwünsche auszurichten. Dies erfuhren Perret und Rios via Umwegen. Denn beide verfügen zwar seit gut sechs Jahren über einen Twitter-Account, nutzten diesen jedoch kaum. Federers Nachricht führte nun dazu, dass Martin Rios seinen allerersten Tweet absetzte.

«Congratulations for being back on the top», schrieb Rios zu Federers Wiedereroberung des Tennis-Throns. Zudem lud der Glarner Federer ein, seine Fähigkeiten auf dem Curlingeis zu testen. Diese Unterlage, so führte der schweizerisch-spanische Doppelbürger aus, würde sich bestens für ein weiteres «episches Duell» zwischen Roger Federer und Rafael Nadal eignen. Mit dem beim Tweeten fast obligatorischen Hashtag wies Martin Rios letztlich auf eine Gemeinsamkeit mit Federer hin: Der Curler und der Tennisspieler sind nämlich beide im Jahr 1981 geboren. «Offenbar ein guter Jahrgang», schliesst Rios mit seinem gewohnt trockenen Humor.

Ob sich Federer und der verletzungsanfällige Nadal tatsächlich aufs Glatteis wagen, darf zumindest vorerst bezweifelt werden. Martin Rios dagegen war bereits gestern wieder in einer Curlinghalle zu sehen. Der Nachwuchscoach reiste nach Arlesheim, wo er einerseits die Junioren an der Schweizer Meisterschaft anfeuerte und andererseits von seinen Erlebnissen in Südkorea erzählte.

Nächste Reise im März

Es sei eine «schlicht geniale Erfahrung» gewesen, meinte Rios am Samstag. «Es ist schön, wenn sich aus der ganzen Welt Menschen versammeln, um zusammen Sport zu treiben.» Es habe eine tolle Stimmung geherrscht. Nicht nur unter den Schweizer Athleten, «auch Superstars wie Shaun White waren sehr zugänglich – einfach ganz normale Menschen.»

Perret und Rios gehörten zu den ersten, die im olympischen Dorf ihre Zimmer bezogen. Ihr Wettkampf begann schon einen Tag vor der offiziellen Eröffnungsfeier. Sie standen am Morgen früh oder am Abend spät im Einsatz. «Die Nächte waren wirklich etwas kurz», so Rios. «Aber wir waren darauf eingestellt.» Die Wartezeit vertrieben sie sich mit Videogames, Billard, Tischtennis oder indem sie Schlaf nachholten. Als die Curler ihre Silbermedaille in der Tasche hatten, besuchten sie auch andere Stadien. So waren sie beispielsweise beim Bronze-Rennen von Beat Feuz dabei oder unterstützten die Eishockeyteams der Frauen und Männer. Er habe versucht, seine Zeit in Südkorea so gut wie möglich auszukosten – wer weiss, ob der 36-Jährige nochmals bei Olympischen Spielen dabei sein wird.

Immer noch vor Ort ist die Sutzerin Jenny Perret. Sie ist Ersatz beim bisher wenig erfolgreichen Curling Frauenteam und wird bis zum Schluss der Winterspiele in Südkorea bleiben. Für Martin Rios steht dagegen bereits die nächste Reise an. Anfang März wird er als Coach das Zuger Team um Skip Jan Hess an die Junioren Weltmeisterschaft in Aberdeen begleiten. Gut möglich, dass Rios dann mit einer weiteren Medaille im Gepäck zurückkehrt.

Martin Rios hat den Medientermin überstanden. Seine Freunde und Verwandten freuen sich, nun haben sie Zeit, ihren Rios (wie er von allen genannt wird) in die Arme zu schliessen.


Comments are closed.