Seine Schläge schmerzen nur leicht

Seine Schläge schmerzen nur leicht

Der 14-jährige Elias Peisker aus Bellmund ist auf dem besten Weg, in seinem ersten Wettkampf-Jahr gleich Schweizer Meister im Leicht-Kontakt-Boxen zu werden. Es ist eine Disziplin, die besonders für Junge geeignet ist – oder für Geschäftsführer.

Solch eine Bilanz hätte jeder Boxer gerne: Neun von neun Kämpfen hat Elias Peisker gewonnen. Dass es das erste Wettkampf-Jahr des Bellmunders ist, macht seine Ausbeute umso beeindruckender. Seine Trainer beim Boxclub Biel werden gar etwas euphorisch, wenn sie über ihr Naturtalent reden. «Was er besser macht als seine Konkurrenten?», fragt Coach Massimo Di Stefano zurück und zieht die Augenbrauen hoch. «Einfach alles.»

Elias Peisker ist 14 Jahre alt, rund 1.60 Meter gross und 45 Kilogramm schwer. Sein athletischer Körperbau kommt nicht von ungefähr. Bereits seit seinem fünften Lebensjahr ist der Seeländer sportlich aktiv. Angefangen hat er mit Taekwondo, einer koreanischen Kampfkunst, die sich aus dem japanischen Karate entwickelte. Kollegen hätten ihn dazu inspiriert, sagt Elias Peisker. Sein Vater, der ebenfalls Kampfsportarten betrieb, unterstützte sein Vorhaben. Die Kampftechnik im Taekwondo ist stark auf Schnelligkeit und Dynamik ausgelegt. Fähigkeiten, die Elias Peisker nun auch im Boxen zu nutzen weiss.

Allerdings unterscheiden sich die beiden Sportarten in anderen Aspekten grundlegend. Die erste Silbe von Taekwondo, «tae», bedeutet im Koreanischen Fuss. Fuss-Techniken sind im Kampf dominant. Elias Peisker erklärt: «Meine Taekwondo-Kämpfe bestehen zu etwa 70 Prozent aus Kicks.» Quasi als Ergänzung habe er daher beschlossen, mit dem Boxsport zu beginnen, in dem Tritte bekanntlich verboten sind. Und wie im Taekwondo gibt es auch im Boxen verschiedene Formen der Ausübung. Elias Peisker fokussiert sich auf das Leicht-Kontakt-Boxen.

Vom Jungen bis zum Geschäftsführer

Für diese Disziplin wird in der Schweiz meist der englische Ausdruck «Light-Contact» (LC-Boxen) verwendet. Es ist eine Form des Boxens, die sich zwischen dem Fitnessboxen und dem Olympischen Boxen positionieren lässt. Während Fitnessboxen in der Regel ohne Schlagkontakt angeboten wird, ist das Sparring ein wesentlicher Bestandteil des LC-Boxens. Harte Schläge wie beim klassischen Boxen sind jedoch verboten und werden sogar mit Punktabzügen bestraft. Bei Wettkämpfen wird also nicht das K.o. angestrebt, es zählen einzig die Punkte nach Treffern.

Daher kann in einem Duell theoretisch ein 60 Kilogramm schwerer Athlet auf einen Gegner treffen, der 100 Kilogramm wiegt. Denn in dieser Disziplin wird nicht wie sonst nach Gewicht eingeteilt, sondern nach Körpergrösse.

«Das Interesse am Leicht-Kontakt-Boxen ist in den letzten Jahren enorm gestiegen», sagt Patrick Zanini, Präsident des Bieler Boxclubs. Die Disziplin ist in Europa vor allem in Ländern wie Deutschland und Frankreich verbreitet. In Letzterem steht es als «boxe éducative» sogar auf dem Stundenplan verschiedener Schulen. Für die Jungen ist es ein sanfter Einstieg. «Sie lernen die Sportart kennen und die Verletzungsgefahr ist äusserst gering.»

In den Kursen, die der Boxclub anbietet, nehmen jedoch Leute verschiedenster Altersgruppen teil. Zanini erzählt unter anderem von einem angesehenen Geschäftsführer. Dieser habe zwar immer gerne geboxt, könne es sich in seinem Job jedoch nicht leisten, mit einem blauen Auge aufzutauchen. «Auch in diesem Fall macht Leicht-Kontakt-Boxen Sinn.» Zwar könne es passieren, dass ein LC-Boxer mal einen harten Schlag einsteckt; zum Beispiel, wenn der Gegner zuschlägt, während er selbst gerade in einer Vorwärtsbewegung ist. «Das geschieht jedoch selten.»

Peiskers «Fight-IQ» machts aus

Den Bielern scheint das LC-Boxen besonders zu liegen. Nach fünf Meetings in diesem Jahr liegt der Boxclub Biel mit 123 Punkten an der Spitze der 15 Klubs umfassenden Rangliste. Dahinter folgen Onex (113) und der andere Bieler Boxclub Fight Right (104).

Die Einzelranglisten sind nach Geschlecht und nach Alter (U17 und Ü17) aufgeteilt. Elias Peisker führt seine Kategorie (U17m) an. Sein Ziel formuliert er wenig überraschend wie folgt: «Schweizer Meister werden.» Am Samstag hat er beim Heimturnier in der Esplanade (siehe Infobox) die Chance, seinem Bestreben einen grossen Schritt näher zu kommen.

Das Potenzial für den Titel habe er fraglos, sagt Peiskers Trainer Massimo Di Stefano. Eine der grössten Stärken des Jungboxers sei, dass er seine Gegner gut lesen könne. «Fight-IQ» wird dies auch genannt. Der Achtklässler mit Berufswunsch Lehrer versteht es, während eines Kampfes die grösste Schwäche seines Opponenten zu eruieren und dies letztlich zu seinen Gunsten zu nutzen. Elias Peisker erklärt: «Es kommt oft vor, dass ein Gegner den Kampf ungestüm beginnt. Dann mache ich einen Seitenschritt und kontere seinen Angriff.»

Beste Voraussetzungen für Übertritt

Kein Wunder, dass die Trainer des Bieler Boxclubs Elias Peisker gerne weiter fördern würden. Bereits in den nächsten beiden Jahren dürfte der Übertritt zum Olympischen Boxen ein Thema werden. Dieser Schritt schrecke im ersten Moment einige Athleten ab, erklärt Trainer Massimo Di Stefano. Seine Erfahrung habe jedoch gezeigt, dass sich gute LC-Boxer auch im Olympischen Boxen durchsetzen können. «Das Einzige, was sich ändert, sind die härteren Schläge.» Es habe einige Kämpfe erlebt, in denen der frühere LC-Boxer den erfahrenen Olympischen Boxer durch Schnelligkeit und Ausdauer zermürbt habe.

Ob für ihn ein Übertritt in Frage kommt, lässt Elias Peisker vorerst offen. «Ich habe mich noch nicht entschieden», sagt der 14-Jährige. Zwar reize es ihn, das nächsthöhere Level in Angriff zu nehmen, andererseits würde er gerne noch andere Erfahrungen sammeln. «Es wäre zum Beispiel spannend, meine Fähigkeiten aus dem Taekwondo und dem Boxen zu verbinden und mich im Kickboxen oder im Muay Thai zu versuchen.»

Zukunftsmusik. Zuerst steht für Elias Peisker im Zentrum, sich am Samstag vor dem Heimpublikum in Biel gut zu präsentieren.


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