«Solche Lohnforderungen schockieren mich»

«Solche Lohnforderungen schockieren mich»

Seit September ist Mauro Ierep Sportchef des FC Biel. Der 44-Jährige erzählt im Interview, inwiefern sich junge Spieler verändert haben, ob der Verein den Aufbau einer zweiten Equipe plant und weshalb er Anfragen von Spieleragenten meist ignoriert.

Mauro Ierep, Sie haben angekündigt, in der Winterpause Zugänge zu vermelden. Haben Sie die Spieler bereits gefunden?
Mauro Ierep: Ich habe drei interessante Kandidaten in Aussicht. Nach den ersten Eindrücken im Training bin ich sehr zufrieden. Da wir aber noch keine Verträge unterschrieben haben, kann ich keine Namen nennen.

Können Sie dennoch ein paar Details zu den Spieler preisgeben?
Es sind zwei Angreifer und ein Defensivspieler. Einer der drei ist noch sehr jung, erst 18-jährig. Er spielt in einem 2.-Liga-Team, trifft dort jedoch regelmässig. Er ist ein klassischer Perspektivspieler.

Junge Spieler sind schnell enttäuscht, wenn sie nicht genug Spielzeit erhalten.
Das stimmt. Heutzutage wollen die jungen Spieler sofort auf höchstem Niveau spielen. Früher war das anders. Da wussten die Nachwuchsspieler, dass sie sich hinten anstellen und immer und immer wieder beweisen müssen, bis sie eine Chance erhalten.

Wie gehen Sie in solch einem Fall vor?
Ich habe ihn bereits gewarnt, dass er bei uns sicher nicht so viel Einsatzzeit erhalten würde, wie er es bisher gekannt hat. Er muss sich erst in die Mannschaft integrieren. Ausserdem herrscht in der1. Liga ein ganz anderes Niveau. Leider kann er bei uns nicht in einem Juniorenteam spielen, da wir nur bis zur U15-Stufe Nachwuchsteams haben.

Auch eine zweite Mannschaft fehlt.
Daher ist es wichtig, ganz klar mit ihm zu kommunizieren. Im Januar werden wir erste Testspiele bestreiten. Dann werden wir seine Ausgangslage nochmals erörtern. Denn es bringt ja nichts, wenn er nach zwei Monaten beim FC Biel enttäuscht ist. Das wäre schlecht für das gesamte Team.

Bräuchte ein Team wie der FC Biel nicht zwingend eine zweite Mannschaft? Einerseits für Junioren, andererseits für Spieler, die nach Verletzungen auf tieferem Niveau Spielpraxis sammeln können.
Bis jetzt war dies noch kein Thema, da wir uns ganz auf den Wiederaufbau des einen Teams konzentriert haben. Nachdem wir unser grosses Ziel erreicht haben (zwei Aufstiege in Folge, die Red.), können wir beginnen, uns Gedanken über den Aufbau eines zweiten Teams zu machen. Erneut Trainer und Spieler zu finden, ist allerdings mit einem hohen Aufwand und zusätzlichen Kosten verbunden. Aber ja, wenn wir in die Promotion League wollen, wäre es gut, ein zweites Team zu haben, das etwa auf 2.-Liga-Niveau spielt.

Käme demnach ein allfälliger Aufstieg im kommenden Jahr noch zu früh?
Aus meiner Sicht sind wir noch nicht bereit für die Promotion League. Vor allem in finanzieller Hinsicht.

Was heisst das genau?
Ein gutes Promotion-League-Team hat ein Budget von einer Million. Das des FC Biel beträgt derzeit 500 000 Franken. Das Ziel muss sein, die Qualität im Team sowie die finanzielle Situation des Klubs stetig zu verbessern. Sodass wir, wenn wir aufsteigen sollten, auch in der Promotion League bleiben und nicht sofort wieder absteigen.

Die Spieler haben im Verlauf des Herbsts jedoch immer wieder betont, dass sie die Aufstiegsspiele ins Visier genommen haben.
Es ist doch klar, dass sich Spieler und Trainer immer das Maximum vornehmen. Sollten wir die Aufstiegsbarrage tatsächlich erreichen, würden wir auch alles versuchen, um diese erfolgreich abzuschliessen. Niemand im Verein würde sich gegen einen Aufstieg wehren. Nur, in diesem Fall müssten auf schnellem Weg mehr finanzielle Mittel generiert werden. Sonst übersteht man die Folgesaison in der Promotion League nicht.

Was bedeuten die finanziell limitierten Möglichkeiten für Sie als Sportchef?
Es gilt, die Fehler aus der Ära Häfeli zu vermeiden, als allen Spielern sehr hohe Löhne versprochen wurden, das Geld dafür jedoch fehlte. Deshalb muss ich bei den Gesprächen mit möglichen Zuzügen andere Vorzüge hervorheben. Unsere fantastische Infrastruktur zum Beispiel.

Geld scheint bereits auf 1.-Liga-Niveau eine zentrale Rolle zu spielen.
Am Anfang habe ich das nicht geglaubt, aber nun, da ich ein paar Monate Sportchef bin, habe ich es selbst erlebt: Es gibt einige Spieler, die sehr hohe Löhne verlangen und gleichzeitig Vereine, die sehr hohe Löhne geben.

Können Sie Zahlen nennen?
Gute Spieler in der 1. Liga erwarten etwa 3000 Franken monatlich. Vielleicht bin ich etwas altmodisch, aber solche Lohnforderungen schockieren mich. Das ist doch verrückt: Es sind ja keine Profis, sondern Hobbyfussballer …

Wie finden Sie die neuen Spieler für den FC Biel?
Der Klub erhält täglich etwa fünf E-Mails, in denen Spieler angepriesen werden. Dazu kommen einige Telefonate. Meistens sind es Spieleragenten, die mich kontaktieren. Diese Anfragen interessieren mich aber weniger, denn wenn Agenten im Spiel sind, geht es meist um viel Geld. Interessanter ist für mich, wenn ich Tipps von Bekannten oder Vertrauten erhalte. Wenn uns sein Profil anspricht, dann laden wir den Spieler in ein Training ein.

Sportchefs, die vom einen zum nächsten Fussballplatz pendeln, um Talente zu entdecken, sind Geschichte?
Ich würde gerne mehr Spiele vor Ort anschauen, doch dann bekäme ich ein Problem mit meiner Frau. Deshalb ist es wichtig, viele Kontakte zu pflegen. So habe ich in verschiedenen Regionen Leute, die Augen und Ohren für mich offen halten.

Zurück zur Kaderplanung: Sie haben drei Neue in Aussicht gestellt. Gibt es auch Spieler, die den Klub verlassen?
Es ist möglich, dass uns zwei oder drei Spieler verlassen werden. Auch hier steht noch nichts fest, weshalb ich keine Namen nennen kann.

Ihr Amt bringt mit, dass Sie Spieler entlassen müssen.
Natürlich ist es nicht einfach, einem Spieler zu sagen, dass er beim FC Biel keine Zukunft hat. Aber ich muss immer im Sinne des Vereins denken.

Kommen wir auf den Trainer zu sprechen: Sind Sie zufrieden mit Kurt Baumann?
Wir haben in diesem Jahr zwei Ziele formuliert: Im Frühling aufsteigen und im Herbst in der oberen Hälfte der 1. Liga etablieren. Kurt hat beide Forderungen erfüllt – also alles richtig gemacht. Der Trainer ist für unseren Verein ein Glücksfall, denn er arbeitet äusserst professionell. Ich denke nicht, dass wir jemanden finden würden, der bereit wäre, so viele Stunden für das Team zu investieren, wie Kurt es tut.

Aber?
Jetzt darf er sich nicht zurücklehnen. In diesem Team steckt noch sehr viel Potenzial und Kurt muss dafür sorgen, dass sich die Spieler stetig verbessern. Das ist nötig, um weiterhin zu den Spitzenteams der 1. Liga zu gehören.

Wo sehen Sie die grösste Baustelle?
Technisch sind unsere Spieler gut, taktisch können wir noch besser werden. Gerade was die Bewegungen angeht, wenn wir auf ein Team treffen, das defensiv steht und auf Konter wartet. Das geht aber nicht in einem oder zwei Tagen. Das braucht Wiederholungen. Auch wenn es für die Spieler nicht attraktiv ist, immer wieder die gleichen Übungen zu machen. Hauptsache ist, dass es sich am Schluss eingeprägt hat.

Zuletzt waren vertiefte Videoanalysen ein Thema im Team.
Dieses Projekt haben wir in Angriff genommen. Kurt hat sich mit dem U21-Trainer Gianluca Privitelli getroffen (ehemaliger Spieler des FC Biel, die Red.), um ihn zu befragen, wie der FC Thun mit Videoanalysen arbeitet. Gut möglich, dass wir auf die Rückrunde in ein System investieren, dass uns vertiefte Videoanalysen ermöglicht.

Was hat Sie eigentlich daran gereizt, Sportchef des FC Biel zu werden?
Ich mag die Herausforderung, einen guten Mix aus erfahrenen und jungen Spielern zu finden, um das bestmögliche Team zu erstellen. Besonders bei jungen Fussballern ist es spannend, ihre Entwicklung zu beobachten. Wenn ein Spieler einmal eine wichtige Stütze des Teams wird oder sich sogar noch höheren Ligen widmet, habe ich als Sportchef alles richtig gemacht.

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Zur Person
Alter: 44
Nationalität: Italiener
Geburtsort: Biel
Wohnort: Cressier
Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder (6 Jahre und 8 Monate alt)
Beruf: Financial Controller
Fussball-Aktiv-Karriere: Lyss (1. Liga, 5 Jahre), CS Lecce (3. Liga, 15 Jahre) dazu Trainer des 5.-Liga-Teams
Weitere Ämter: 2008-14 Präsident des CS Lecce, ab 2016 Finanzverantwortlicher des FC Biel, seit September 2018 Sportchef des FC Biel


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