«Uns beim Streiten zuzusehen, ist pure Realsatire»

«Uns beim Streiten zuzusehen, ist pure Realsatire»

In der Nacht auf heute stand das Curlingduo mit der Sutzerin Jenny Perret und dem Glarner Martin Rios ein erstes Mal im Einsatz. Das BT sprach mit dem schweizerisch-spanischen Doppelbürger, dessen Image seit der Schweizer Meisterschaft etwas angekratzt ist.

Martin Rios, ein heissblütiger Spanier oder ein ruhiger Innerschweizer: Was trifft eher auf Sie zu?

Martin Rios: An den Olympischen Winterspielen hoffe ich mal auf einen heissblütigen Innerschweizer.

Was bedeuten Ihnen Ihre spanischen Wurzeln?

Sie sind mir gleich wichtig wie meine Schweizer Wurzeln. Ich bin mit zwei Kulturen aufgewachsen; sie gehören einfach zu mir. Mit einer Zweitsprache aufzuwachsen, hat mir die Welt geöffnet. Ich sage oft, ich sei 50 Prozent Schweizer, 50 Prozent Spanier und 200 Prozent Glarner.

Der starke Bezug zum Glarnerland ist spürbar, dabei wohnen Sie doch seit zwei Jahren in Biel.

Glarus ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Hier im Seeland gibt es halt schon einige Dinge, die mir fehlen. In Glarus sind die Berge zum Beispiel so nah, dass ich abends jeweils spontan einen erklimmen konnte.

Vom kleinen Glarus an die grossen Olympischen Spiele. Was bedeutet Ihnen die Teilnahme?

Es ist eine Ehre, die Schweiz zu vertreten. Die Olympischen Spiele sind das Grösste, was man als Curler erreichen kann.

Mixed Doubles gibt es im Curling seit rund zehn Jahren. Sie haben schon früh begonnen und wurden 2012 ein erstes Mal Weltmeister mit Nadine Lehmann. Haben Sie geahnt, dass die Disziplin olympisch wird?

Das war purer Zufall. Es gab Gerüchte, die dann meistens wieder dementiert wurden. Als es in der Schweiz zum ersten Mal eine Meisterschaft gab, haben Jenny und ich nur daran teilgenommen, weil wir damals zusammen waren.

Dann kam die Trennung, aber sie blieben weiterhin ein Team.

Es war eine grosse Herausforderung, die wir da zu meistern hatten. 2015 wurde Mixed Doubles ins Olympische Programm aufgenommen. Der Schweizer Verband gab damals vor, dass ein Team zwei Saisons zusammengespielt haben muss, um Anspruch auf eine Olympia-Teilnahme zu haben. Also hiess es für uns: Entweder zusammen oder gar nicht. Wir entschieden uns für Ersteres. Aber ja, es gab schwierige Momente zu überstehen.

Inwiefern?

Es ist schwierig, diese Zeit zu beschreiben. Weil wir uns so nahe waren, sind wir auch ziemlich direkt zueinander. Das ist bis heute so. An der letztjährigen Weltmeisterschaft hatten wir soeben die damaligen Weltmeister aus Russland geschlagen. Dennoch waren wir mit unserem Spiel nicht zufrieden und haben uns bei der Analyse fast angeschrien. Mit etwas Distanz kann ich oftmals sogar über uns lachen: Uns auf Videos beim Streiten zuzusehen, ist teilweise pure Realsatire.

Wie beschreiben Sie Ihre Teampartnerin Jenny Perret?

Sie ist am besten, wenn der Druck am grössten ist. Das hat uns zum WM-Titel geführt. Vor den Spielen ist sie aber fast immer sehr nervös und ich etwas relaxter. Da ergänzen wir uns gut. Sie kann sehr emotional sein. Oftmals will sie es allen recht machen, mir dagegen ist es dann auch mal egal, was die anderen denken.

So auch als Sie nach einer mutmasslichen Steinberührung während eines Spiels an der Schweizer Meisterschaft von Teilen der Schweizer Curlingszene massiv angefeindet wurden? Es gab verschieden Exponenten, die Ihnen Beschiss vorwarfen.

Auf dem Video sieht es zwar tatsächlich so aus, als hätte ich den Stein berührt, aber ich habe nichts davon gemerkt; geschweige denn vorsätzlich gehandelt. Ich habe mich damals als Erstes mit meinem engsten Umfeld ausgetauscht. Dabei kam heraus, dass es voll und ganz hinter mir stand. Das war mir wichtig. Was andere gesagt haben, war mir irgendwann egal. Ganz wie es der Rapper Bligg in einem Lied formulierte: «La si redä, denn si redet ja eh.» Ich habe die Situation wiederum als Herausforderung betrachtet und nahm mir vor, es den Kritikern mit meinen Leistungen auf dem Eis zu zeigen.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Image?

Ich denke, die wenigsten wollen ein schlechtes Image. Das ist aus meiner Sicht jedoch kein Erfolgsfaktor. Sobald du nur ein wenig in der Öffentlichkeit stehst, gibt es schlicht einige, die dich nicht gut finden. Für mich gibt es einen kleinen Kreis von Personen, von denen es mich interessiert, was sie über mich denken.

Wenn eine Person aus Ihrem Umfeld Sie beschreiben soll, fällt immer ein Wort: ehrgeizig.

Ja, ich messe mich einfach gern. Nur zum Plausch curlen kann ich noch nicht. Als sich vor einigen Jahren mein Männerteam aufgelöst hat, habe ich es versucht, aber nicht lange ausgehalten. Wie gesagt: Ich brauche die Herausforderung.

Offenbar nicht nur im Curling. Bereits neunmal sind Sie beim 100-Kilometer-Lauf der Bieler Lauftage an den Start gegangen, achtmal haben Sie ihn auch beendet. Was treibt Sie an?

Es geht Jahr für Jahr darum, mir zu beweisen, dass ich es noch kann. Ich mache das alleine für mich.

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Unmittelbar danach bin ich meist schlecht gelaunt. Aber im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich aus Niederlagen viel gelernt habe. Ich denke, Niederlagen formen einen Sportler.

Sie arbeiten als Nachwuchstrainer. Wo liegt in dieser Tätigkeit der Reiz?

Ich treffe immer wieder auf neue Persönlichkeiten mit anderen Ideen, anderen Angewohnheiten und anderen Marotten. Das bereichert mich enorm.

Sie sind 36 Jahre alt. Bedeuten die Winterspiele das Ende Ihrer Karriere im Spitzencurling?

Das entscheide ich erst danach. Für mich gibt es mehrere Varianten: Wir holen Gold, ich habe genug und höre auf. Oder wir holen Gold und es packt mich erst recht. Dieselben Optionen gelten für den Fall, dass wir nicht gewinnen sollten.


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