«Verbale Gewalt war gang und gäbe»

«Verbale Gewalt war gang und gäbe»

Dass Unparteiische beschimpft werden, ist ein wiederkehrendes Übel im Fussball. Sprüche gegen Spielleiterinnen zielen zudem oft unter die Gürtellinie. Die Seeländerin und ehemalige FIFA-Schiedsrichterin Eveline Bolli erzählt, wie sie damit umgegangen ist.

Schiedsrichter haben es im Fussball nicht einfach. Besonders die weiblichen unter ihnen, die in die sogenannte Männerdomäne «eindringen». Im Seeländer Regionalfussball ist es noch nicht lange her, dass ein Spieler die FIFA-Unparteiische Emilie Aubry tätlich angegriffen hat. Nach mehreren heiklen Entscheiden rannte dieser erbost und scheinbar gewaltbereit auf die Schiedsrichterin zu. Den geistesgegenwärtigen Mitspielern, die sich sofort zwischen ihren Teamkollegen und Aubry stellten, ist es zu verdanken, dass die Situation nicht ausuferte.

Gemäss einem Augen- und Ohrenzeugen hat der Fussballer, neben den Drohgebärden, die Schiedsrichterin zusätzlich übel beschimpft. Seine Worte richteten sich offenbar in erster Linie gegen sie als Frau. Was genau er gesagt hat, wissen aber nur die Direktbeteiligten. Darüber reden möchte kaum jemand. Aubry jedenfalls nicht. Bereits im Frühling, als der Vorfall geschah, äusserte sie sich nicht zum Vorfall. Auch jetzt, Monate danach, schweigt sie lieber. Immerhin: Der besagte Spieler wurde damals von der Disziplinarkommission für zehn Spiele gesperrt.

Belegt, weil filmisch aufgenommen, sind dagegen diverse frauenfeindliche Kommentare, die Emilie Aubry an einem anderen Spiel über sich ergehen lassen musste. Die SRF-Sendung «sportaktuell» begleitete die Seeländerin im Frühling bei ihren Einsätzen. Die besagten Szenen ereigneten sich bei einem Spiel der dritthöchsten Liga in der Innerschweiz. Diesmal benahmen sich einige Zuschauer komplett daneben. Als Aubry, die als Linienrichterin waltete, etwas aufs Feld rief, schrien ihr vereinzelte (männliche) Fans entgegen: «Mueter heb de Schranz», oder einfach: «Gang ga choche».

Den Zuschauern ausgeliefert
Aussagen wie diese seien leider vergleichsweise harmlos, sagt die langjährige Schiedsrichterin Eveline Bolli. Die Seeländerin hat 17 Jahre lang Fussballspiele gepfiffen. Sowohl bei Männern, meist auf regionaler Stufe, bis zu Frauen-Länderspiele der FIFA. In diesem Jahr hat die 35-Jährige ihre Karriere als Schiedsrichterin beziehungsweise als Schiedsrichterassistentin an den Nagel gehängt. «Verbale Gewalt gegen mich als Frau war gang und gäbe», sagt Bolli weiter. Es sei beispielsweise wiederholt vorgekommen, dass sie als Schlampe bezeichnet wurde.

Allerdings weniger von Spielern, sondern mehr vom Publikum am Spielfeldrand, wogegen sie sich kaum wehren konnte. Einem Fussballer, der seine Emotionen nicht im Griff hatte, zeigte Bolli ganz einfach die rote Karte. Kamen die derben Sprüche jedoch von den Zuschauerrängen, gestaltete sich die Situation komplizierter. Sie war gezwungen, die Beleidigungen über sich ergehen zu lassen. Besonders im Regionalfussball war es für Bolli oft unangenehm. «Als Linienrichterin stehst du kaum zwei Meter vom Fan mit dem Bier entfernt. Da hörst du fast alles und bist den Pöblern hilflos ausgeliefert.» Was solle man auch reagieren, fragt Bolli. «Du kannst ja nicht einfach davonlaufen.»

Als Schiedsrichterin sei sie meist so fokussiert gewesen, dass sie allfällige Sprüche nicht hörte. Falls doch, galt es, sich emotional abzuschotten. «Du darfst dich nicht mitreissen lassen. Sonst leidet prompt die Spielführung darunter.» Was tut man also? «Die Beleidigungen so gut wie möglich ignorieren», sagt Bolli. Um die Worte nicht zu stark an sich heranzulassen, entwickelte sie einen Schutzmechanismus. Die Seeländerin sagte sich einfach immer wieder, dass die Beschimpfungen gegen ihre geschlechtsneutrale Rolle als Unparteiische gingen und nicht gegen sie als Frau.

Nur einmal hatte sie Angst
Die Schiedsrichterinnen werden bei den Ausbildungen vom Verband nicht auf die potenzielle verbale Gewalt vorbereitet, verriet ein Schiedsrichterbeobachter im «sportaktuell»-Beitrag. Mit Beleidigungen gegen sie als Frauen müssten die Spielleiterinnen alleine umzugehen lernen.

Tatsächlich sei das Thema in der Ausbildung kaum diskutiert worden, erinnert sich Bolli. «Aber wer den Fussball einigermassen kennt, weiss auch, was auf ihn zukommen wird.» Das solle jedoch nicht als Entschuldigung für Chaoten gelten, hält Bolli fest: «Denn jeder Angriff auf einen Schiedsrichter oder eine Schiedsrichterin ist einer zu viel.» Was ihr beim Umgang mit unflätigen Zuschauern half, war der Austausch mit ihren Kollegen nach dem Spiel. Im Dreier- oder Viererteam unterwegs, liessen sich die derben Sprüche besser verarbeiten.

Nur einmal hatte die Unparteiische richtig Angst. Nach einem besonders emotionalen Spiel im Tessin verfolgten die Spieler das Schiedsrichtergespann bis in die Kabine und schlugen mit den Händen gegen Tür. Da habe sie sich wirklich gefragt, ob sie nun die Polizei rufen müsse, um heil wieder rauszukommen.

Die Frage liegt nahe: Warum tun sich das so viele an? Eine Frage, die Bolli oft gestellt wurde. Trotz den beschriebenen Episoden habe sie die Zeit als Unparteiische genossen. «Es ist auch spannend, zu lernen, wie du in solchen Konfliktsituationen am besten vorgehst.» Sie habe viel Positives mitgenommen. «Du bist immer mittendrin und du hast viel Verantwortung», erklärt Bolli. Auch hinsichtlich ihrer sportlichen Fitness habe sie als Schiedsrichterin zugelegt. Die ehemalige Präsidentin des Seeländer Schiedsrichterverbands würde es denn auch jedem nahe legen, sich als Unparteiische oder Unparteiischen zu versuchen. Sie hält aber fest, dass Gewalt gegen Schiedsrichter allgemein, nicht nur gegen Frauen, unbedingt öfter thematisiert werden sollte. «Sonst finden sich bald keine Schiedsrichter mehr. Und ohne sie geht es nicht.» Dabei appelliert sie auch an die Zivilcourage der Zuschauer, Schiedsrichter zu schützen und Pöbler zurechtzuweisen.

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Nationalspieler in der Kritik
Beim Thema Schiedsrichterinnen, kommt man momentan nicht an ihr vorbei: Die Deutsche Bibiana Steinhaus hat heuer als erste Frau ein Spiel der ersten Bundesliga der Männer geleitet. Auch sie musste sich schon frauenfeindliche Beschimpfungen anhören – selbst von Spielern, die in höheren Ligen spielen. Eine Begebenheit vor zwei Jahren wurde in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert. Als die Schiedsrichterin ihn mit einer gelb-roten Karte vom Feld wies, sagte ihr der damalige 2.-Bundesliga-Spieler Kerem Demirbay gemäss übereinstimmender Medienberichte, dass Frauen im Männerfussball nichts zu suchen hätten.

Demirbay, der mittlerweile bei Hoffenheim (1. Bundesliga) spielt und in diesem Jahr den Einstand im Deutschen Nationalteam gab, rief die Unparteiische nach dem Spiel an und entschuldigte sich bei ihr. Es sei okay, sagte Steinhaus gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», sie sei nicht nachtragend.

Auf die vereinsintern auferlegte «Strafe» für Demirbay, ein Mädchen-Fussballspiel zu leiten, reagierte Steinhaus dagegen mit Unverständnis. Noch schlimmer war aus ihrer Sicht, dass Demirbay darauf verzichtete, sich vorher umzuziehen und die Partie in Strassenkleidung pfiff. Es sei eine Botschaft, die vermittle, dass jeder ein Spiel leiten könne, beklagt sich Steinhaus. «Ohne Ausrüstung, ohne Ausbildung. Es macht unsere Aufgabe so beliebig.»


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