«Wäre gerne ins Stadion gegangen»

«Wäre gerne ins Stadion gegangen»

Weil YB morgen Meister werden könnte, zieht es einige Hobbyfussballer eher nach Bern als aufs Spielfeld. Sind auch die Zweitligisten aus dem Seeland in Partylaune?

Fussballer sind in den allermeisten Fällen auch Fussballfans. Nur selten beginnt ein Kind zu kicken, ohne dass es zuvor am Fernseher oder im Stadion mit dem Fussballvirus infiziert worden wäre. Viele regionale Cracks wechseln deshalb öfters zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen hin und her als es ihren Frauen und Freundinnen lieb sein dürfte.

Wenn es darum geht, in der höchsten Schweizer Liga einem Team die Daumen zu drücken, ist im Berner Seeland freilich YB Trumpf. Ob eingefleischter Fan oder nur Sympathisant: Für alle Unterstützer der Young Boys steht eine Zeit des Feierns bevor. Niemand zweifelt noch daran, dass die Berner Meister werden. Selbst das «Wann» stellt kaum jemand infrage. Für die meisten ist klar: Morgen Samstagabend, etwa um 20:50 Uhr, ist der erste Meistertitel seit 1986 Tatsache.

Wer so lange auf den Erfolg warten musste, der soll diesen auch ordentlich feiern dürfen. Nur: Die meisten Regionalfussballer wären am Samstag selbst im Einsatz gestanden. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt, denn in dieser Woche gingen beim Fussballverband Bern/Jura mehrere Anträge auf Spielverschiebungen ein. Kurt Bieri, Leiter der Spielbetriebsadministration, bestätigt: «Es gab aussergewöhnlich viele Verschiebungswünsche und die meisten wurden damit begründet, dass am Samstag YB spielt.» Der Verband gewährte die Neuansetzungen, die Antragssteller mussten jedoch eine Gebühr (20 bis 50 Franken) bezahlen, wie es bei zu kurzfristigen Verschiebungen üblich ist.

Gemeinsam nach Bern?

Ohne dass dies empirisch bewiesen wurde, kann man davon ausgehen: Je tiefer die Liga ist, in der die Fussballer spielen, desto eher sind diese bereit, ihren Einsatz sausen zu lassen. Lieber sind sie bei den Meisterfeierlichkeiten der Young Boys dabei.

Davon kann bei den ambitionierten Zweitligisten nicht die Rede sein. «Das eigene Team geniesst bei allen Priorität», sagt Aarberg-Trainer Marco Aebischer. «Selbst bei solch historischen Ereignissen wie einem YB-Meistertitel.» Die Aarberger empfangen am Samstag um 17 Uhr Nidau zum Spitzenkampf. Kurz nachdem das Spiel auf der Aarolina abgepfiffen wird, beginnt die Partie im rund 17 Kilometer entfernten Stade de Suisse. Duschen die Fussballer nicht allzu lange, reicht es für sie locker, einen Grossteil des YB-Matchs am Fernseher zu verfolgen. Wer jedoch damit geliebäugelt hatte, live im Stadion mit dabei zu sein, musste die Pläne verwerfen. «Ich wäre gerne ins Stadion gegangen», sagt Aebischer und kurz scheint bei ihm etwas Wehmut aufzukommen. Der 34-Jährige besucht regelmässig YB-Spiele. «Immerhin können wir den Match in unserem Klubhaus verfolgen. Später fahren wir womöglich zusammen nach Bern.» Zudem bleibe ihm immer noch der Cupfinal Ende Mai.

Absagen wegen des YB-Spiels habe er keine erhalten, hält Aebischer fest. Dasselbe kann auch sein Antipode auf der Seite der Nidauer behaupten. «Das war bei uns gar kein Thema», so David Meister. YB-Fans gäbe es in seinem Team sowieso nur wenige. «Die meisten unterstützen einen internationalen Verein.» Ähnlich tönt es bei den Bieler Klubs Besa und Azzurri. Es scheint, als sinke das Interesse an YB mit zunehmender Nähe zum Bielersee.

Verkatert ans Spiel?

Eine Ausnahme sind die Ipsacher von Grünstern. «Bei uns gibt es einige YB-Fans», sagt Captain Timon Heuer. Absagen habe es dennoch keine gegeben. «Das können wir uns in dieser prekären Situation nicht erlauben.» Grünstern empfängt im Abstiegskampf Besa Biel. Ein wegweisendes Spiel.

Lockerer sehen es die Schüpfener, die derzeit 15 Punkte hinter dem ersten Nicht-Abstiegsplatz liegen. Von allen Zweitligisten aus dem Seeland ist Schüpfen geografisch am nächsten bei Bern und deshalb auch fest in YB-Hand. Die Spieler von Trainer Urs Schneider werden den Auftritt ihrer Lieblinge zwar nicht verpassen, Freude über die Spielansetzung am Sonntagmorgen um 10:15 Uhr herrscht jedoch nicht. Einige Spieler hätten ihn gefragt, ob die Partie gegen Leader Cornol aufgrund der wahrscheinlich ausschweifenden Meisterfeier verschoben werden könnte, sagt Schneider. Er lehnte ab. Unter den speziellen Umständen würde es Schneider – er wird das Spiel am Samstag im Stade de Suisse verfolgen – aber sogar akzeptieren, falls seine Spieler am Sonntag nur eine kurze Nacht hinter sich hätten. «Viel schlimmer kann es bei uns sowieso nicht werden.»


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