Zehn Monate bis zur Perfektion

Zehn Monate bis zur Perfektion

Eine Vorbereitung, die es in sich hat. Zehn Monate lang trainiert das Nationalkader der Juniorinnen von Montag bis Samstag täglich in Lyss. Das braucht es, um an der EM eine Chance zu haben.

«Nein, so nicht. Das muss schneller gehen. Wir beginnen nochmals von vorne.» Aneliya Stancheva ist unnachgiebig. Die Gymnastinnen gehen auf ihre Anfangspositionen zurück. In den Händen halten sie das Gerät, das in dieser Übung im Zentrum steht: den Reifen. Einen für jede. Osteuropäische Klänge erfüllen die Halle und schon bald fliegen die runden Kunststofffabrikate durch die Luft. Zwei Mädchen fangen den Reifen am Boden liegend mit den Beinen. Sie stehen auf, laufen los und lassen ihn dabei um ihre Knöchel kreisen. Alles simultan. Zwei andere Mädchen werfen den Reifen mit Drall nach vorne, sodass er kurz darauf wieder auf sie zurollt. Sie gehen seitlich auf die rollenden Reifen zu und springen durch sie hindurch. Alles simultan. In der Rhythmischen Gymnastik geht es um Perfektion.

Stancheva dreht sich um, zeigt mit der Handfläche in die Richtung der Gymnastinnen und sagt: «Nicht schlecht dafür, dass wir erst seit ein paar Tagen trainieren.» Vor zehn Tagen hat das Projekt JEM (Juniorinnen-Europameisterschaft) begonnen. Acht Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren trainieren rund zehn Monate lang auf die EM hin. Zehn Monate, in denen die meisten der jungen Sportlerinnen ihr Zuhause verlassen, die Schule wechseln und bei Gastfamilien in Biel und Neuenburg wohnen. Denn fortan gehen die Mädchen morgens in den Unterricht und nachmittags trainieren sie in der Lysser Nespoly-Halle.

Bielerin unter den Selektionierten
Zum ersten Mal wird das JEM-Projekt im Seeland durchgeführt. Für diese Region spricht die Zweisprachigkeit sowie, dass die nötigen Infrastrukturen vorhanden sind. Mit der Lysser Nespoly-Halle steht eine Trainingsanlage zur Verfügung, die den spezifischen Anforderungen genügt. Weil die Sportlerinnen unter anderem verschiedene Gegenstände in die Höhe werfen, muss die Sporthalle mindestens zehn Meter hoch sein. Ausserdem ist ein spezieller Bodenteppich vorhanden, auf dem die Mädchen den Wettkampf simulieren können.

Die Juniorinnen-Europameisterschaft startet im Mai. Bis dahin hat die Schweizer Gruppe Zeit, zwei Übungen bis zur Vollkommenheit einzustudieren. Fünf Gymnastinnen werden sie letztlich vor der Jury zeigen, drei sind Ersatz. Unter den Turnerinnen ist mit Noëlle Wüthrich auch eine Bielerin. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, die aus der Ostschweiz oder aus dem Tessin stammen, musste sie für das Projekt keine Gastfamilie suchen. Sie sei froh, dass sie Zuhause bleiben könne. Allerdings hätte sie für die Gelegenheit, im Nationalkader turnen zu können, ein mehrmonatiges Gastspiel ohne zu murren auf sich genommen.

Mehr als «nur» EM-Vorbereitung
Rhythmische Gymnastik ist der Sport, den sie seit vier Jahren leidenschaftlich betreibt. «Ich habe mich immer gerne bewegt», sagt Noëlle Wüthrich. «Besonders zu Musik.» Als ihr eine Schulkollegin von der Sportgymnastik erzählte, versuchte sie sich in einem Schnuppertraining. Schnell fügte sich Noëlle Wüthrich ein und ebenso schnell zeigte sich ihr Talent. Es führte sie ins regionale Leistungszentrum (RLZ) Biel und Region, in dem sie von Montag bis Freitag täglich trainierte. Sie wurde in das Sport-Kultur-Studium der Stadt Biel aufgenommen, in dem die Gymnastinnen den wegen des Trainings verpassten Schulstoff mit einem Lehrer nachholen konnten.

Noëlle Wüthrich überzeugt bei den Übungen besonders durch ihre Beweglichkeit. Das sahen auch die Verantwortlichen des Verbands, die das Aufgebot fürs Juniorinnen-Nationalkader erstellten. Im JEM-Projekt sollen Noëlle Wüthrich und ihre Kolleginnen nicht nur auf die EM vorbereitet werden, sie sollen auch Schritt für Schritt an das Elite-Nationalteam herangeführt werden.

Mit Aneliya Stancheva wird Noëlle Wüthrich von einer Ausbildnerin trainiert, die ihr wohl bekannt ist. Bevor der Verband Stancheva zum Kopf des Juniorinnen-Kaders ernannte, war die Bulgarin zehn Jahre lang Trainerin im RLZ Biel. Die Präsidentin des RLZ, Elisabeth Gehrig-Bossi, findet nur lobende Worte für die in Leubringen wohnende Trainerin. Auch dank ihr räume Biel bei nationalen Wettkämpfen immer wieder ab. «Sie ist einer der besten ihres Fachs, deshalb hat sie der Verband auch für diese Aufgabe ausgewählt.»

Der andere Grund ist, dass Stancheva die Übungen nicht nur zusammenstellen, sondern auch vorzeigen kann. Während des Trainings steht sie wiederholt von ihrer Bank auf und turnt die Übung so vor, wie sie sie sich vorstellt. «Meine erste Aufgabe ist, die Mädchen zu einer Gruppe zu formen», erklärt Stancheva. Je harmonischer die Gymnastinnen zusammen turnen, desto öfter kann die Trainerin auf die Feinheiten eingehen.

In den Einzeldisziplinen chancenlos
Trotz der hohen Trainingsintensität wären die jungen Schweizerinnen in den Einzeldisziplinen chancenlos gegen die starke Konkurrenz aus dem osteuropäischen Raum. Deshalb werden die Gymnastinnen an der EM nur den Gruppenwettkampf bestreiten. In diesem strebt die Gruppe Stanchevas einen Platz unter den besten acht Nationen an.

Dafür muss jeder Schritt, jeder Sprung und jeder Wurf sitzen. So weit sind die Mädchen freilich noch nicht. Immer wieder fliegt ein Reifen zu weit, die Körperspannung fehlt oder das Timing stimmt nicht. In diesen Fällen stoppt Aneliya Stancheva die Musik, begibt sich auf den Bodenteppich und erklärt ihren Turnerinnen, an welchen Stellen es noch hapert. Dann sagt sie das, was die Mädchen in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich noch oft hören werden: «Wir beginnen nochmals von vorne.»


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